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Psychosomatik:Als Mensch erkennbar sein

SZ: Wie entsteht Raum für tiefere Gespräche? Viele Patienten geben an, dass sie sich vom Arzt nicht gehört fühlen.

Fiktion und Realität

Zehn Mythen über Ärzte

Hontschik: Der Patient muss spüren, dass man sitzen bleiben, zuhören wird. Sonst nichts. Sitzen 50 Leute im Wartezimmer, würde ich die Patienten bitten wiederzukommen, wenn es ruhiger ist.

SZ: Kann man ärztliche Gespräche einfach so führen oder muss man das lernen?

Hontschik: Einen Arzt, der sich nicht auf Patienten einlassen will, kann man rund um die Uhr trainieren, da wird nichts draus. Das muss man wollen. Man muss es als Bestandteil seines Berufs begreifen, anderen Menschen beizustehen. Die andere Voraussetzung ist, dass man mit Kommunikation umgehen kann. Ich muss als Arzt für Patienten als Mensch erkennbar und verständlich sein. Das kann man schon lernen, etwa in einer Balintgruppe, in der Ärzte ihre Fälle vorstellen und sich über das Geschehen und das eigene Verhalten verständigen.

SZ: Gibt es Alarmsignale von Patienten, die den Arzt stutzig machen sollten?

Hontschik: Jede Art von Paradoxie, von Unpassendem. Wenn jemand ständig etwas wiederholt, ist das oft ein Hinweis auf Unausgesprochenes, das den Verlauf stören wird. Entscheidend ist das Gefühl: Hier passt etwas nicht.

SZ: Oft ist der Unterschied zwischen Befund und Befinden enorm groß.

Hontschik: Manche Kranke mit Hüftbeschwerden können kaum gehen. Aber im Röntgenbild sieht es gut aus. Oder umgekehrt: Eine Arthrose hat das Gelenk fast zerstört, aber die Patienten haben kaum Beschwerden. Es ist nicht Aufgabe des Arztes, medizinische Befunde und das Befinden in Übereinstimmung zu bringen. Entscheidend ist das Befinden. Ich behandele ja keine Röntgenbilder.

SZ: Wovor haben die Menschen am meisten Angst beim Arzt?

Hontschik: Vor einer Operation haben alle Angst. Sagt jemand, er hat überhaupt keine Angst, werde ich stutzig. Da würde ich nach früheren Operationen fragen, oder ob jemand immer so furchtlos ist im Leben. Ich versuche dann, eine Brücke zur Angst zu bauen.

SZ: Ist es die Angst vor der Narkose oder die vor den Folgen des Eingriffs?

Hontschik: Beides. Die Narkose wird mit Tod assoziiert, Tod auf Zeit. Und: Patienten haben Angst vor großen Schmerzen. Die Fragen sind immer die gleichen: Werde ich aufwachen, wie geht es mir danach? Manchmal sind Patienten aber auch ärgerlich, wenn nicht operiert wird.

SZ: Wie das?

Hontschik: Blinddarmoperationen waren vor 30 Jahren viel häufiger. Junge Frauen, die länger Bauchschmerzen hatten, kamen in die Klinik, hatten alles dabei, Pyjama, Fernseher. Sie wollten operiert werden, jetzt. Dann haben wir festgestellt, der Wurmfortsatz ist nicht entzündet. Wenn ich das gesagt habe, gab es Krach - besonders mit den Müttern.

SZ: Sie streiten mit Patienten?

Hontschik: Häufig kam das montags vor. Seltsam, Krankheiten haben ja keinen Lieblingstag. Es hat wohl mit familiären Spannungen vom Wochenende zu tun, Kampfsituationen. Die Tochter feiert samstags, macht erste sexuelle Erfahrungen und die Eltern sind beunruhigt. Die Töchter entwickeln Schuldgefühle. Und Spannungen und Schuldgefühle können Bauchschmerzen verursachen.

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