Süddeutsche Zeitung

Psychologie:Strategien der Gescheiterten

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Die Attentate in den USA bestätigen, dass sich moralische Maßstäbe in Stresssituationen verschieben.

Martin Urban

(SZ vom 18.09.2001) - Jedes Kind weiß, dass es einmal groß sein wird und stark wie die Großen, auch wenn dies zunächst überhaupt nicht danach aussieht. Dieser Optimismus, alles im Leben erreichen zu können, ist lebensnotwendig - andernfalls müsste ein Kind daran verzweifeln, noch nicht einmal über die Tischkante hinaus sehen zu können. Wenn Erwachsene glauben, alles im Leben erreichen zu können, sind sie je nach der Zielsetzung ehrgeizig bis schlimmstenfalls größenwahnsinnig.

Frappierend: Hohe Rationalität

Jeder erwachsene Mensch hat Ziele im Leben, entwickelt Strategien, diese zu erreichen - und hat sich irgendwann auch damit auseinanderzusetzen, bestimmte Ziele nicht erreichen zu können. Bei den Attentätern in New York und Washington beziehungsweise den Drahtziehern frappiert einerseits eine hohe Rationalität. Es gelang ihnen, mit relativ geringem Aufwand gigantische Effekte zu erzielen. Andererseits legten sie sich in verzweiflungsvollem Wahnsinn mit der Weltmacht USA an: "Die Mauern der Repression und der Erniedrigung können nur durch einen Kugelhagel zerstört werden," heißt es in einem Manifest Osama Bin Ladens aus dem Jahre 1996. Und bereits den Kindern wurde versprochen, direkt ins Paradies zu kommen, wenn sie als Lebensziel anstrebten, frühzeitig als "Märtyrer" zu sterben. Unterscheiden sich die Verhaltensweisen der Drahtzieher und ihrer Helfer von den alltäglichen Lebensstrategien des einzelnen Menschen? Dietrich Dörner, Psychologe an der Universität Bamberg, studiert seit langem experimentell Strategien menschlichen Handelns.

Mensch ist unfähig zur Voraussicht

"Der Mensch ist angeborenererweise unfähig zur Voraussicht." Das ist ein Ergebnis der Arbeit Dörners. Gemeint ist: Bei komplexen Prozessen reagieren Menschen - ein Gemeinderat nicht anders als eine Regierung - so, dass sie die drängendsten Probleme zu lösen versuchen. Dabei beachten sie nicht, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis zunächst nebensächlich erscheinende Fragen sich zu Hauptproblemen auswachsen. Die Gattung Homo sapiens lebte die längste Zeit ihrer Existenz in einer Welt, die sich so langsam veränderte, dass Generationen von Menschen dies gar nicht bemerkten. Darum hat der Mensch kein Sensorium etwa für die Grenzen des Wachstums oder die Folgen von Globalisierung entwickeln müssen und können. Denn dass sich die Welt bereits zu Lebzeiten einer einzigen Generation völlig ändert, zeigte sich erstmals deutlich im 19. Jahrhundert. Deshalb ist Einsicht in die Fähigkeiten und Unfähigkeiten des Menschen nötig, um, auch mit technischen Hilfsmitteln, in einer sich schnell ändernden Welt bestehen zu können.

Warum handeln Menschen wie?

Im Institut von Dietrich Dörner hat man Menschen unter Stress Entscheidungs-Strategien entwickeln lassen. Die Fragestellung lautete: "Warum handeln Menschen wie?" Lässt sich mit den dabei gemachten Beobachtungen auch die Strategie der Drahtzieher des Terrors in New York und Washington nachvollziehen? Hatten sie keine moralische Bedenken? Ein Ergebnis der Untersuchungen in Bamberg ist: je größer der Stress, desto massiver ändert sich die Einstellung des Strategen, welche Mittel denn dem Zweck angemessen seien. Wenn das so sehr angestrebte Ziel nicht mit angemessenen Mitteln erreicht wird, kommen immer stärker unangemessene, das heißt, auch unmoralische Mittel ins Spiel - nach dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel". Damit gelten schlimmstenfalls plötzlich die zuvor selbstverständlichen moralischen Maßstäbe nicht mehr. Wenn die Krise vorbei ist, verdammen die Versuchsteilnehmer solcher Experimente selbst ihr Handeln als unmoralisch. Solche Verhaltensweisen unter Stress, die Dörners Mitarbeiter Franz Reither bei seinen Versuchspersonen experimentell beobachtete, unterscheiden sich nicht von Verhaltensweisen im Kollektiv, wie bereits die jüngste Geschichte lehrt: bei den Nationalsozialisten ebenso wie bei den Kommunisten und auch beim Aufkommen terroristischer Gruppierungen. Die Versuchspersonen Dörners erkennen ihr moralisches Fehlverhalten in der Stresssituation zwar im nachhinein und bei ruhigerer Betrachtungsweise. Aber insofern sind die Experimente praxisfern, als es diese ruhige Betrachtungsweise im politischen Leben nicht gibt.

Schwierige Umkehr

In anderen Experimenten beobachtete der Bamberger Psychologe, dass Menschen auf einem Weg, der sich als nicht zum Ziel führend erweist, desto weniger leicht umkehren können, je mehr sie sich bereits engagiert haben. "Sonst wäre ja alles umsonst gewesen." In Dörners Institut hat man festgestellt, dass zum Beispiel die Neigung, in eine erfolglose Werbekampagne weiter zu investieren, in sehr vielen Fällen umso größer wird, je mehr bereits investiert worden ist. Auch der Roulette-Spieler, der schon sehr viel Geld verloren hat, macht gegen alle Vernunft weiter und will das Glück erzwingen.

Herkunft des Rachegefühls

Dem Individuum empfielt Dörner in der Konsequenz seiner Untersuchungen als Strategie für die Gestaltung des eigenen Lebens: "Ich mache das, was ich kann, nicht das, was ich will." Diese Bescheidung auf erreichbare Ziele wäre auch der erste Schritt zur Lösung größerer Probleme. Dörner: "Israeli und Palästinenser müssten als erstes einsehen, dass sie sich gegenseitig nicht aus der Welt schaffen können."Doch dem stehen die Rachegefühle entgegen.

Das Gefühl der Rache ist, so Dörner, grundsätzlich sozusagen vernünftig. Denn es lässt den anderen aus Angst vor Vergeltung zur Vernunft kommen, eben um Rache zu vermeiden. Doch kann, wie inzwischen fast täglich an den Krisenherden der Welt zu beobachten ist, das Rachegefühl so überhand nehmen, dass zugleich jedes Gefühl für das Angemessene verlorengeht.

Denken ohne Emotionen

Wie man das verhindert, weiß auch der Strategieforscher Dörner nicht. Vermutlich wird man im Vorfeld arbeiten müssen, ehe die großen Emotionen den Verstand reduzieren. Sich auf das Mögliche zu beschränken, hat allerdings auch einen Nebeneffekt, wenn diese Möglichkeiten sehr klein sind. Dann kommt nämlich das Gefühl der Resignation auf, der Vergeblichkeit aller Bemühungen. Und schließlich, selbst wenn der Einzelne geneigt wäre, den tatsächlichen Möglichkeiten entsprechend, einsichtig zu handeln, geht das nicht immer. "Experimente", die das belegen, so Dörner, lassen sich zwar nicht im Labor vornehmen, "sie werden aber von der Geschichte gemacht".

Für Dörner ist Palästinenserpräsident Jassir Arafat ein Beispiel dafür. Arafat sei durchaus, wenn auch vielleicht nur in engem Rahmen, mit der Fähigkeit der Einsicht in die Grenzen seines Handelns begabt. Er könne aber nicht dem Gefühlsfeld seiner Umgebung entkommen. Diese Unfähigkeit gilt generell, so Dörner, besonders für Menschen, die sich isoliert oder verfehmt fühlen. "Man kann das auch sehr genau bei Rechtsradikalen in Deutschland beobachten. Der Einzelne kann dann nicht aus einer solchen Gruppe aussteigen, wenn er sonst niemanden hat, bei dem er sich emotional aufgehoben fühlt."

Der Mensch ist "kalt"

Gilt nun das Prinzip "Unfähig zur Voraussicht" auch für die Drahtzieher der so perfekt organisierten Anschläge in den USA? Dörner bejaht dies. Gewiss, nur der Mensch ist, anders als ein Tier, fähig, Rache "kalt" zu genießen, konnte also die jüngsten Anschläge "kaltblütig" vorbereiten. Doch wenn das Ziel konstruktiv zu verstehen gewesen sein sollte, nämlich auf die Leiden unterdrückter Gruppen dieser Welt hinzuweisen - so haben die Drahtzieher das Gegenteil erreicht. Sie haben nämlich negative Emotionen in nahezu der ganzen Welt wachgerufen.

"Der Mensch ist gar nicht schlecht im Denken, ohne große Emotionen und ohne Zeitdruck", weiß der Bamberger Psychologe. Und das wissen auch bereits die Kinder. Denn sie bewundern als "cool", was sie selbst noch gar nicht haben können, der reife Mensch aber entwickelt haben sollte: einen kühlen Kopf.

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