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Psychologie:Das war ein Befehl!

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Schuldgefühle und Gewissensbisse - dass man auf Befehl gehandelt hat, verstärkt sie anscheinend sogar.

(Foto: Marcus Butt/imago/Ikon Images)

Ob man Gewissensbisse oder Schuldgefühle empfindet, hängt auch davon ab, ob man auf eine Anweisung hin gehandelt hat. Allerdings ganz anders als erwartet, wie ein Experiment zeigt.

Von Sebastian Herrmann

Im Fall eines Unglücks strecken den Verursacher Schuldgefühle nieder. Warum, warum nur hat sich diese Situation ausgerechnet auf diese Weise entsponnen? Welche Gedanken steckten hinter den eigenen Entscheidungen, die das Unglück schließlich ermöglichten? Waren da überhaupt Gedanken im Spiel? Es schmerzt, Schuld auf sich zu laden, und noch mehr schmerzt es, sich diese Schuld auch ernsthaft einzugestehen. Ein allzu menschlicher Reflex im Fall eines Unglücks besteht in der Suche nach einem Sündenbock, auf den die Last abgewälzt werden kann. Ein immer wieder eingesetztes Mittel besteht darin, sich selbst zu einem willenlosen Ausführenden zu ernennen: Es habe sich eben um eine Anweisung gehandelt. Hätte man sich widersetzt, wäre es einem selbst schlecht ergangen. So weit, so bekannt. Aber reduziert das auch Schuldgefühle?

Offenbar nicht, im Gegenteil: Wer sich auf eine Form des Befehlsnotstandes beruft, kämpft im Fall eines Unglücks eventuell sogar mit noch schlimmeren Gewissensbissen. Für diese antiintuitive Aussage haben Forscherinnen um Maayan Malter von der Columbia University gerade Argumente im Fachjournal Psychological Science publiziert. Experimente mit knapp 1500 Teilnehmern legen demnach nahe, dass Handlungen auf Basis starrer Anweisungen sogar tiefere Schuldgefühle wecken können als Taten, die aufgrund eigener Erwägungen und Absichten ausgeführt worden sind. Gehorsam entlastet die Seele im Fall einer Missetat also nicht.

Die Psychologinnen legten ihren Probanden diverse Szenarien zur Bewertung vor. Zum Beispiel sollten sich die Teilnehmer vorstellen, sie müssten die Software eines autonom fahrenden Autos programmieren. Ein reales Problem besteht dabei darin, wie sich die Software im Fall eines unvermeidbaren Unfalls verhalten soll: Was ist oberste Maxime - dass der Fahrer des Autos am Leben bleibt oder dass so wenige Menschen wie möglich zu Schaden kommen? Lenkt die Software den Wagen also zum Beispiel gegen eine Wand und opfert den Fahrer, weil andernfalls zwei Fußgänger getötet worden wären? In einem zweiten Szenario baten die Psychologinnen um Einschätzungen rund um das Thema Covid-19. Diesmal sollten die Probanden als hypothetische Bürgermeister einer Stadt über potenzielle Lockerungen für Betriebe entscheiden: Was wiegt schwerer, der Schutz von Leben und Gesundheit oder der Schutz von Lebensgrundlage und Wirtschaft?

Wer Anweisungen befolgt, fängt mit der Grübelei womöglich erst an, wenn es zu spät ist

In beiden Fällen ließen die Forscherinnen einen Teil der Probanden selbst eine Entscheidung treffen, dem anderen wurde mitgeteilt, dass ein Vorgesetzter eine Anweisung erteilt habe, der zu folgen sei. Anschließend entwickelten sich beide Szenarien in tragische Richtungen: Es gab Tote durch einen Verkehrsunfall beziehungsweise durch das Corona-Virus. Seltsamerweise empfanden jene Probanden stärkere Schuldgefühle, die auf Anweisung gehandelt hatten. Dieses Ergebnis widerspricht dem intuitiven Empfinden. Das zeigte auch ein zusätzliches Experiment der Forscher. Gaben Probanden eine Bewertung für Handlungen dritter Personen ab, erwarteten sie im Fall befolgter Anweisungen reduzierte Schuldgefühle. Betraf es sie aber selbst, war das Gegenteil der Fall.

Vermutlich, so die Psychologinnen, steckten dahinter unterschiedliche Erwägungen. Wer sich eigenmächtig für eine Handlung entscheidet, denkt zuvor (hoffentlich) alle Möglichkeiten durch. Wer Anweisungen befolgt, fängt mit der Grübelei erst an, wenn es zu spät ist, und fragt sich: Hätte ich Flasche mich nicht gegen die Vorgesetzten durchsetzen und nach meinem Gewissen handeln müssen? Die zweite Variante löst offenbar tiefere Reue aus.

© SZ/cvei
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