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Psychologie:Wie wir uns selbst betrügen

Ein schlechte Gewissen lässt sich leicht mithilfe mentaler Verrenkungen beruhigen.

(Foto: Pascal Huot - stock.adobe.com)

Menschen sind wahre Meister darin, eigenes Fehlverhalten schönzureden. Oft reichen schon banale Tricks.

Von Sebastian Herrmann

Hinten im Nacken, da haust das schlechte Gewissen, stets bereit, die Zähne ins Fleisch seines Wirtes zu schlagen. Gelegenheiten ergeben sich in reicher Zahl, kein Mensch führt ein Leben ohne Tadel. Er lästert über seine Kollegen, fliegt in den Fernurlaub oder betrügt in seiner Steuererklärung. Nun könnte, grundsätzlich gedacht, dieser lästige Dämon des Alltags konstruktive Kraft entfalten. Das schlechte Gewissen zeigt schließlich an, wenn man sich einen Fehltritt geleistet hat. Und so ließe sich dieses Unbehagen als Aufruf verstehen, Fehler auszubügeln, Sünden zu beichten und Wiedergutmachung zu leisten. Weil das aber entsetzlich anstrengend ist, besänftigen die Menschen ihr schlechtes Gewissen meist routiniert auf andere Weise: Sie überzeugen sich einfach selbst, dass ihre Verfehlungen eigentlich keine waren und sie trotz allem auf der guten Seite stehen.

Diese Form der mentalen Akrobatik verblüfft immer wieder, jedoch nur, wenn man die Verfehlung der Mitmenschen betrachtet. Sich selbst glaubt man ja doch die Autobiografie vom guten Menschen. Gerade haben nun Sozialwissenschaftler um George Loewenstein von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh eine Studie veröffentlicht, die eine Spielart dieser Selbstpropaganda offenbart. Es geht um "mentale Geldwäsche", wie die Forscher das Phänomen bezeichnen. Aus früheren Studien ist bekannt, dass Geld aus zweifelhaften Quellen Besitzer dazu verleitet, für gute Zwecke zu spenden. Wer etwa Kursgewinne mit Ölaktien erzielt, der besänftigt seine Gewissensbisse, indem er Geld für den Kampf gegen den Klimawandel gibt. Aber auch das hat natürlich einen Haken: Es wäre ja viel schöner, sich für das Geld selbst etwas Schönes zu gönnen, nicht wahr?

"Unsere Studie zeigt, welche Flexibilität Menschen in ihrer mentalen Buchhaltung an den Tag legen", sagen die Forscher um Loewenstein. Dazu reichte in Versuchen eine Transaktion: Die Probanden konnten sich Geld sichern, indem sie logen, und ihre Beute dann durch "sauberes Geld" ersetzen. Sie bekamen schlicht den gleichen Betrag in Form anderer Banknoten zurückgetauscht. Alleine das reduzierte ihre Spendenbereitschaft maßgeblich. An das Geld waren sie zwar noch immer durch Betrug gelangt, nur war es physisch nicht mehr dasselbe. Das wasche den Gewinn mental, so die Forscher.

Einen ähnlichen Effekt beobachteten die Wissenschaftler, wenn Geld aus unethischen und ethischen Quellen auf ein Konto eingezahlt wurde. Das reichte ebenfalls, um das schlechtes Gewissen abzustellen. Wer also die Kursgewinne aus Ölaktien auf einem Konto mit solchen aus Anteilen an regenerativen Energien vermischt, fühlt demnach kaum noch einen Drang, für den Kampf gegen den Klimawandel zu spenden. Das Gute hat das Schlechte ausreichend verwässert.

Das schlechte Gewissen lässt sich eben leicht mithilfe mentaler Verrenkungen beruhigen. Und wer doch den dornigen Weg geht und wirklich Gutes tut, dem sei gesagt: Moralisch wertvolle Taten begreifen viele gerne als Freifahrtschein für künftige Verfehlungen. Das schlechte Gewissen kommt also immer zurück, egal was geschieht.

© SZ vom 12.09.2020/hmw
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