Psychologie Rosarote Rückschau

Wer mit den allerhöchsten Erwartungen einen Urlaub angeht und voll Vorfreude Pläne schmiedet, macht in psychologischer Hinsicht alles richtig: Egal was passiert, die Erinnerungen an die Reise werden rosarot gefärbt sein.

Von Sebastian Herrmann

Zwei Tage Auszeit in erhabener Kulisse, das kommende Wochenende wird großartig. Die Reise führt in eine Unterkunft, die Freunde auf das Wärmste empfohlen haben. Die Fotos auf der Webseite des Hotels unterstützen die Schwärmerei: Das Haus ist gelungen in die Landschaft eingebettet, die Zimmer sind geschmackvoll und gemütlich. Und die Speisekarte erhöht die Vorfreude: Ach, wenn es doch nur morgen schon losgehen würde, wenn die vielen schönen Ausflüge und Pläne vor Ort doch nur rasch in die Tat umgesetzt werden könnten. Wer über einen anstehenden Urlaub oder ein anderes Ereignis in ähnlich freudiger Erregung nachdenkt, hat aus wissenschaftlicher Sicht schon mal alles richtig gemacht. Wie die Psychologen Aleea Devitt und Daniel Schacter von der Harvard University im Fachmagazin Psychological Science berichten, lassen positive Erwartungen die späteren Erinnerungen an das Ereignis besonders schön ausfallen.

Wer sich im Vorfeld also einen großartigen Urlaub ausmalt, der erinnert sich später auch mit höherer Wahrscheinlichkeit an eine feine Reise - selbst wenn das Hotel doch nicht ganz so geschmackvoll war wie erhofft und das Essen zwar ausgefallen klang, aber geschmacklich bieder war. Die beiden Harvard-Psychologen identifizierten diese Art der retrospektiven Verklärung in mehreren Experimenten. Dazu waren die Probanden aufgefordert, sich künftige Ereignisse auszumalen, etwa den Besuch eines Theaterstücks. Später legten die Forscher ausformulierte Narrative vor, wie die imaginierten Erlebnisse tatsächlich ausgefallen waren, und überprüften nochmals später die Erinnerungen der Probanden an diese Geschichten. Während Vorfreude spätere Erinnerungen zum Besseren verzerrte, hatten negative Erwartungen keine Auswirkung auf die emotionale Färbung der Rückschau. Zum Glück, ließe sich an dieser Stelle sagen: Ansonsten würden dunkle Vorahnungen einen missratenen Wochenendtrip im Gedächtnis schließlich als absolute Katastrophe abspeichern. Doch das ist nicht der Fall, allenfalls fielen die Erinnerungen besonders präzise und korrekt aus, so die Forscher.

Übertriebener Optimismus hilft, Rückschläge zu vergessen und weiterzumachen

Die Erwartungen prägen jedoch nicht nur die Erinnerung, sondern bereits das anstehende Erlebnis selbst. Kürzlich berichteten Wissenschaftler um HaeEun Helen Chun von der Cornell University im Fachmagazin Journal of Marketing, dass Vorfreude den Genuss an einem Erlebnis steigert. Freudig auf den Beginn einer Reise zu warten, bereitet den Geist gewissermaßen darauf vor, die ganze Angelegenheit später dann auch wirklich klasse zu finden. Die Forscher um Chen drücken es nüchtern aus: Positive Erwartungen hinterließen bereits Spuren im Gedächtnis, die bei der tatsächlichen Erfahrung dann aktiviert werden und wie ein Filter die Wahrnehmung und die spätere Erinnerung prägen.

Im Grunde sind das gute Nachrichten: Menschen neigen in der Mehrheit dazu, persönliche Vorhaben übertrieben positiv zu betrachten. Natürlich wird der Urlaub spitze, natürlich klappt beim neuen Projekt diesmal alles reibungslos, und vor allem wird es diesmal nicht bis kurz vor knapp dauern, die Arbeit auch tatsächlich anzugehen, diesmal wirklich: Schwüre und Erwartungen wie diese mögen unrealistisch sein, sie sorgen aber womöglich dafür, Rückschläge und Enttäuschungen rascher zu vergessen sowie positive Aspekte blöder Erfahrungen in der Erinnerung zu verstärken. "Es ist generell förderlich für Motivation und Wohlbefinden, optimistisch in die Zukunft zu blicken und sich an positive Erlebnisse zu erinnern", schreiben die Harvard-Psychologen Devitt und Schacter. Der nächste Urlaub wird phänomenal, ganz bestimmt.