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Psychologie:Rollenklischee stabilisiert Ehen

Das Scheidungsrisiko ist höher, wenn der Mann dem Klischee vom Ernährer nicht entspricht. Ob die Frau arbeitet, ist für das Trennungsrisiko nicht so wichtig.

Dass zwei Menschen als Paar zusammenleben, heißt noch lange nicht, dass sie ihre Zeit immer miteinander verbringen. Der Ausdruck "ständig aufeinanderhocken", umschreibt anschaulich, welche Bedrängnis aus permanenter Nähe erwachsen kann - bis auch die glühendste Zuneigung zu erkalten droht.

Zu dieser Wahrnehmung passen die Ergebnisse einer großen Analyse, die im Fachmagazin American Sociological Review erschienen ist. Die Harvard-Soziologin Alexandra Killewald hat mehr als 6300 Paare untersucht und nach Ursachen für eine spätere Scheidung gefahndet. Das Risiko für eine Trennung erhöht sich demnach wesentlich, wenn der Mann keine volle Stelle hat und ständig zu Hause herumlungert. Ob die Frau einer bezahlten Tätigkeit nachgeht oder nicht und die Höhe des Gesamteinkommens des Paares sind hingegen nicht so wichtig für die Prognose der Partnerschaft. "Doch während Frauen nicht die klassische Rolle der Hausfrau übernehmen müssen, um die Partnerschaft zu stabilisieren, steigt das Scheidungsrisiko für Männer, wenn sie nicht dem Stereotyp des Ernährers und Vollzeitarbeiters entsprechen", sagt Killewald.

Die Harvard-Soziologin hat jüngere Paare mit solchen verglichen, die vor 1975 geheiratet haben. Für die jüngeren Partner waren finanzielle Aspekte nicht der ausschlaggebende Grund für eine Scheidung. Vielmehr ging es um die Aufteilung der Hausarbeit und die berufliche Erwartungshaltung - besonders in Hinblick auf den Mann, von dem noch immer erwartet wird, das Geld nach Hause zu bringen. Frauen übernehmen heute noch 70 Prozent der häuslichen Pflichten, sie erwarten aber, dass ihr Mann einen Beitrag leistet. In der älteren Studiengruppe der vor 1975 Vermählten ergab sich ein anderes Bild. Hier stieg das Risiko für eine Scheidung in dem Maße, in dem die Partnerin nicht dem Klischee der Hausfrau entsprach. Je höher der Anteil der Hausarbeit, den die Frau übernahm, desto weniger wahrscheinlich war die Trennung.

Dass die Scheidungsrate in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich angestiegen ist, schreiben viele Menschen der Tatsache zu, dass beginnend mit den 1960er- und 1970er-Jahren immer mehr Frauen einer bezahlten Arbeit nachgingen. Demnach hatten sie es dank eigener finanzieller Reserven nicht mehr nötig, bei ihrem Partner zu bleiben, wenn die Beziehung zerrüttet war. Doch das ist offenbar falsch. "Nach Ansicht vieler Leute hat die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen das Fundament der Ehe erschüttert", sagt Killewald. "Unsere Befunde legen diesen Schluss aber keineswegs nahe." Ein weiterer Trugschluss: In der Familienpolitik gehe es fast immer um Frauen, um Teilzeit- und Betreuungsmodelle sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Dabei ist das Leben der Männer genauso von Geschlechts-Vorstellungen betroffen." Die Rolle der Frau als Heimchen am Herd mag erodiert sein, jene vom Mann als Ernährer ist aktueller denn je.

© SZ vom 29.07.2016

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