Psychologie:Macht Corona die Menschen konservativer?

Mann und Frau kochen, 1927

Könnten sich durch die Pandemie alte Rollenbilder wieder vermehrt in den Köpfen festsetzen?

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

In der Corona-Krise sprechen sich mehr Menschen für traditionelle Rollenbilder und Werte aus. Ein Trend, der sich mit früheren Erkenntnissen deckt.

Von Sebastian Herrmann

Die Welt steht kopf, und was gestern noch galt, stiftet heute oft eine gewisse Verknotung im Kopf. So fühlen sich manche kürzlich noch verbissen diskutierte Probleme gegenwärtig an, als seien sie dekadente Erfindungen einer angeödeten Gesellschaft gewesen. Wenn etwa ein männlicher Virologe statt einer Fachkollegin im Rampenlicht steht und sich jemand nach Vor-Corona-Manier darüber echauffiert, erzeugt das kaum mehr Resonanz - es geht momentan halt um akute Gefahren, da hat Geschlechtererregung weniger Platz. Macht die Covid-19-Situation Menschen also konservativer? Verändert die Pandemie soziale Vorstellungen?

Mit dieser Frage haben die Psychologen Daniel Rosenfeld und Janet Tomiyama von der University of California in Los Angeles ihre Probanden konfrontiert und die Ergebnisse nun auf dem PsyArXiv-Preprint-Server veröffentlicht. Die Bedrohung durch das Sars-CoV-2-Virus sowie die damit verbundenen Maßnahmen verstärkten in den Befragten die Zustimmung zu traditionellen Geschlechterrollen und -stereotypen, zumindest in geringem Ausmaß. Das galt für die Einstellungen von Männern und Frauen - und auch für die Rollenerwartungen, die sowohl Männer wie auch Frauen an beide Geschlechter richteten. Einen Einfluss auf die generelle politische Haltung konnten die Psychologen in ihren Daten aber nicht feststellen. Für ihre Studie hatten sie etwa 2000 Teilnehmer im Januar, im März und teils ein drittes Mal Anfang April befragt.

Die Bedrohung durch einen Krankheitserreger übt starken sozialen Konformitätsdruck aus

"Sozial konservative Haltungen gegenüber progressiven Ansichten zu bevorzugen, spiegelt den Wunsch nach Stabilität wider", schreiben Rosenfeld und Tomiyama. Das ist auf der einen Seite eine Plattitüde, jedoch handelt es sich auf der anderen Seite um ein Bedürfnis, das durch externe Bedrohungen wie etwa die Corona-Pandemie verstärkt wird. In der Forschungsliteratur findet sich eine Vielzahl von Befunden, die dazu passen. So verleiten politische Instabilität, Bedrohung, aber auch sehr rascher Wandel Menschen dazu, bestehende Systeme und Institutionen zu verteidigen und zu rechtfertigen. Traditionelle Werte wie etwa Rollenbilder erlangen in solchen Zeiten neuen Glanz, weil sie Sinn und ein Gefühl von Stabilität stiften.

"Wenn die Bedrohung einer sozialen Ordnung mit der Angst vor dem Tod einhergeht, könnten konservative Werte in besonderem Maße an Attraktivität gewinnen", sagen Rosenfeld und Tomiyama. Insofern sollte die Corona-Krise konservative Einstellungen besonders befeuern. Dazu im Kontrast stellten die Psychologen keine Verschiebung der generellen politischen Lagerzugehörigkeit ihrer Probanden fest: Die im Januar in der Befragung von den Probanden formulierten grundsätzlichen Haltungen blieben unverändert, wie die Folgebefragung zeigte.

Wie aber passt dann die Verschiebung in den Einstellungen zu Geschlechterrollen dazu? Bedrohung durch Krankheitserreger sei ein Faktor, der vor allem sozialen Konformitätsdruck ausübe, argumentieren Rosenfeld und Tomiyama. Um eine Infektionskrankheit einzudämmen, müssen eben alle mitziehen - Masken tragen, zu Hause bleiben, Hände waschen. Wer da aus der Reihe tanzt und sich verweigert, muss mit heftiger Kritik von anderen rechnen. Vielleicht, so lässt sich weiter spekulieren, bewirkt dieser Druck auch, dass man sich wieder stärker an (gefühlten) Rollenstereotypen orientiert. Oder aber, anderer Gedanke, in der Corona-Krise machen sich Menschen weniger Gedanken über das zuvor so erbittert debattierte Thema Geschlechterstereotype und geben einige Ansichten wieder auf, die für sie ohnehin von geringer Bedeutung waren.

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