Psychologie Empathie als Frage der Motivation

"Die Fähigkeit zum Mitgefühl ist nicht in Stein gemeißelt", sagt Peter Henningsen, Chef der Klinik für Psychosomatik an der Technischen Universität München. "Empathie ist auch abhängig davon, ob die Bereitschaft dafür gegeben ist. Das ist eine Frage der Motivation." Vielleicht ist es für eine Gemeinschaft daher sinnvoll, den Selbstsüchtigen und Dissozialen Mitgefühl nahezubringen.

Berichte vom Stamm der Babemba, der in Sambia heimisch ist, zeigen einen möglichen Weg. Tut einer der Dorfbewohner etwas selbstsüchtig Unrechtes, folgt ein eingeübtes Ritual. Zunächst bilden alle Anderen einen Kreis, in dessen Mitte sich der Übeltäter stellen muss. Im Kreis fassen sich die Babemba an den Schultern - wer sich anfasst, gehört zur Gemeinschaft. Der Übeltäter muss hingegen allein in der Mitte stehen.

Männer fühlen mit den Gerechten mit - Frauen haben auch Mitleid mit den Fieslingen

Man könnte Übles für ihn befürchten. Denn die Kreisformation um einen Einzelnen ist die seit Jahrtausenden bekannte Aufstellung, in der aus der Gemeinschaft Ausgestoßene gesteinigt oder anderweitig gelyncht werden. Nicht so bei den Babemba. Der Einzelne, der einen Fehler gemacht hat, wird nicht bestraft, sondern so lange an seine guten Eigenschaften erinnert, bis er wieder mit angenehmen Gefühlen in die Dorfgemeinschaft zurückkehren kann.

"Du bist ein guter Sohn", "Du bist ein hilfreicher Freund" - solche Sätze bekommt der sündige Nachbar während der Zeremonie zu hören. Gerade in dörflichen Lebensformen, die stark aufeinander angewiesen sind, ist es für alle wichtig, dass die Gruppe zusammenbleibt.

Aus evolutionärer Sicht ist das ein sinnvolles Muster: Wenn es zu den Zeiten unserer Urahnen um das Überleben der Gruppe ging, die genug damit zu tun hatte, Nahrung zu beschaffen und sich gegen Angriffe zu verteidigen, mussten alle an einem Strang ziehen. Wer den Zusammenhalt stört, kann ausgeschlossen werden - oder er wird resozialisiert, was den Vorteil hat, dass die Gruppe nicht bei jedem Verstoß eines Mitglieds kleiner wird.

Wenn es darum geht, Mitgefühl zu zeigen, reagieren Männer und Frauen übrigens unterschiedlich. Männer zeigen fast ausschließlich Empathie für diejenigen, die sich zuvor fair und untadelig verhalten haben, Verräter und unfaire Zeitgenossen dulden sie nicht. Frauen leiden zwar auch stärker mit den Gerechten, aber in erheblichem Maße verspüren sie ebenso Mitgefühl mit den Fieslingen. Das haben Untersuchungen gezeigt, in denen faire und unfaire Teilnehmer eines Spiels hinterher belobigt oder bestraft werden sollten.

Doch zurück zu den Babemba: Kann es das Stammesmitglied ertragen, dass ihm seine guten Eigenschaften zugerufen werden und das Lob annehmen, ist er in doppeltem Sinne wieder in die Dorfgemeinschaft aufgenommen: Er gehört wieder dazu, und als erstes Zeichen reiht er sich in den Kreis seiner Mitbewohner ein und übt mit ihnen den Schulterschluss.

Womöglich ist diese Stammessitte auch ein gutes Vorbild für die narzisstischen und dissozialen Rabauken in unseren Breiten. "Wenn Narzissten doch dazu in der Lage sind, Empathie zu empfinden, sollte man entsprechende Angebote planen, um ihnen zu helfen", sagt Erica Hepper. "Das nützt den Narzissten in ihrem Alltag - und ihre Freunde und Kollegen profitieren unmittelbar davon."