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Psychologie:Meine breite Visage

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Eigentlich sollte einem das eigene Gesicht aus dem Spiegel ja bestens bekannt sein - oder nicht?

(Foto: imago stock&people/imago/Westend61)

Menschen überschätzen die Dimensionen ihres eigenen Gesichts und halten dieses für breiter, als es tatsächlich ist. Warum klaffen Wahrnehmung und Körpermaße so oft auseinander?

Von Sebastian Herrmann

Die Gabe der objektiven Selbsteinschätzung zählt nicht zu den Werkseinstellungen von Männern und Frauen. Die meisten Menschen reklamieren Eigenschaften und Attribute für sich, die fern jeglicher Realität sind. Die einen finden sich schöner, schlauer oder lustiger, als sie tatsächlich sind; die anderen sind hingegen der Überzeugung, sie seien dicker, doofer und langweiliger, als sie denn von ihren Mitmenschen wahrgenommen werden. Bei Außenstehenden provozieren die Verblendeten damit im besten Fall belustigtes Kopfschütteln, also zumindest dann, wenn sie den Fehler begehen, ihre Selbstwahrnehmung öffentlich zu kommunizieren.

Das chronische Missverhältnis von Fremd- und Eigenwahrnehmung sitzt tief, und es betrifft auch Eigenschaften, die deutlich weniger ambivalent sind als zum Beispiel die Frage, ob man nun besonders schlau oder attraktiv ist: Es geht schon damit los, dass Menschen ein verzerrtes Bild ihrer eigenen Körperdimensionen haben und einige Regionen ihres Leibes entweder als zu groß, zu klein, zu lang, zu kurz, zu dick oder zu dünn empfinden.

Die Versuchspersonen hatten auch kein klares Bild vom Ausmaß ihrer Hände

Das trifft offenbar auch die Wahrnehmung des eigenen Gesichts, das einem ja doch einigermaßen vertraut sein sollte - schließlich glotzt es einem mindestens jeden Morgen und Abend beim Zähneputzen aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegen. Wie nun aber die Psychologen Matthew Longo und Marie Holmes von der University of London im Fachjournal Acta Psychologica berichten, überschätzen viele die Größe ihres Gesichts: Sie halten ihr Antlitz für breiter, als dieses tatsächlich ist. Auch die Position ihrer Augen nahmen die Probanden leicht verzerrt wahr. Sie verorteten diese etwas zu hoch in ihrem Gesicht.

Die Teilnehmer der Studie mussten ihr Kinn in eine (bequeme) Haltevorrichtung stützen, die sich in einem Rahmen befand. Auf diese Weise eingespannt, wurde den Probanden nun ein Blatt aus Karton vor das Gesicht gestellt, durch das diese nicht hindurch blicken konnten. Und nun ging es darum, auf diesem Karton von außen auf die Position von 19 spezifischen Punkten in ihrem Gesicht zu deuten, das sich wenige Millimeter hinter diesem Sichtschutz befand. Aus den Messpunkten ließ sich dann modellieren, wie die Probanden die Proportionen und Dimensionen ihrer Gesichter vermutlich wahrnahmen. "Diese Gesichter waren stark verzerrt", sagen Longo und Holmes, "vor allem die Breite, nicht aber die Länge wurde überschätzt."

Auf ähnliche Art untersuchten die Psychologen außerdem, ob auch die Wahrnehmung der eigenen Hände Verzerrungen unterworfen ist. Auch hier zeigte sich, dass die Breite übertrieben wahrgenommen wurde. Die Länge der Finger unterschätzten die Probanden hingegen meist.

Vergleichbare Ergebnisse - sowohl zur Wahrnehmung der Hände als auch des Gesichts - haben zuletzt zahlreiche Forscher publiziert, auch Longo hat bereits ähnliche Daten veröffentlicht. Aus der Literatur sind zudem einige Befunde bekannt, dass die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Gesichts vor allem dessen rechte Seite betrifft, als handele es sich um eine dominante Gesichtshälfte, etwa so, wie bei Rechtshändern die rechte Hand die stärkere ist. Für dieses Phänomen fanden Longo und Holmes in ihrer aktuellen Studie aber allenfalls Hinweise, die Ergebnisse dazu waren nicht statistisch signifikant.

So oder so seien die Erkenntnisse zur verzerrten Wahrnehmung des eigenen Gesichts verblüffend, sagen die Forscher, schließlich sei den Menschen ihr Gesicht doch sehr vertraut. Zudem sei das eigene Antlitz von zentraler Wichtigkeit für das Gefühl einer eigenen Identität. Da sei es doch überraschend, dass dessen Wahrnehmung derartigen Fehlern unterworfen ist, so Longo und Holmes.

Aber vielleicht, nur mal so als Gedanke, ist es ja andersrum: dass die Identität die Wahrnehmung des eigenen Gesichts prägt und weniger umgekehrt. Auf diese Idee könnte man durch eine Studie der Psychologin Minna Lyons von der Universität Liverpool kommen. Sie berichtet von Korrelationen zwischen narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen und einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Körperproportionen - darunter auch das Gesicht. Womöglich bestimmt also das Selbstbild stärker, wie man seinen Körper wahrnimmt, als dieses Gesicht, das einem aus dem Spiegel entgegenblickt.

© SZ
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