Süddeutsche Zeitung

Psychologie:Der Ikea-Effekt

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Menschen schätzen selbstgebaute Produkte mehr als andere, treffen mit eigenhändig gefertigten Golfschlägern sogar besser als sonst. Woran liegt das?

Von Sebastian Herrmann

Das neue Schuhregal im Flur steht fast gerade. Da fehlt wirklich nur ganz, ganz wenig zur Perfektion. Es ist ein gutes Schuhregal - nicht zuletzt deswegen, weil es mit den eigenen Händen aufgebaut worden ist. Inbusschlüssel, Schraubenzieher, eine Tüte voller Kleinteile, Bedienungsanleitung, das ganze Programm, da sei ein wenig Stolz nach getaner Arbeit doch bitte gestattet. Selbst dann, wenn das Ergebnis nicht perfekt ist. Zumindest die Wissenschaft weiß der amateurhafte Heimwerker dabei auf seiner Seite: Konsumenten schätzen Produkte in besonderem Maße, wenn sie diese zusammenbauen oder sonst wie selbst Hand anlegen mussten.

Der Stolz auf das Erreichte strahlt also auf die Bewertung einer Ware aus, das haben zahlreiche Studien gezeigt. Und wie nun Sören Köcher von der TU Dortmund und Keith Wilcox von der Texas A&M University berichten, wirkt eine heimwerkerische Eigenleistung sogar noch tiefer: Wer Werkzeuge oder andere Gegenstände selbst zusammenbaut, liefert damit anschließend bessere Leistungen ab als mit vergleichbaren Fertigprodukten. Mussten die Probanden Golfschläger oder Kugelschreiber vor dem Gebrauch erst zusammenschrauben, versenkten sie den Ball mit weniger Schlägen und fanden mehr Lösungen in einem Rätsel.

Wer Mühe in etwas steckt, schätzt das Ergebnis

Sowohl Golfschläger als auch Kugelschreiber waren in wenigen Handgriffen zusammengeschraubt. Doch offenbar reichte dies aus, um einen Effekt zu bewirken. "Etwas selbst aufzubauen, stärkt das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Köcher. Wer schon etwas geschafft hat, der wagt sich vermutlich mit größerem Selbstvertrauen an eine darauffolgende Aufgabe und meistert diese deshalb erfolgreicher. "Dabei spielt es sogar keine Rolle, wie kompliziert oder aufwendig es ist, einen Gegenstand zusammenzubauen", sagt Köcher. Auch das haben die Forscher untersucht. Selbst wenn der Golfschläger nur aus zwei Teilen bestand, stärkten die nötigen Handgriffe Selbstbewusstsein und Leistung der Studienteilnehmer.

Die positive Wirkung der Eigenleistung ist als sogenannter Ikea-Effekt bekannt, seit Psychologen um Michael Norton und Dan Ariely 2011 eine Studie mit diesem Titel publiziert haben. Dafür ließen die Forscher Probanden unter anderem Ikea-Möbel zusammenbauen und beobachteten, dass dies deren Wertschätzung deutlich verbesserte - und das sogar dann, wenn beim Schrauben nicht alles perfekt gelang. Wer Mühe in etwas steckt, schätzt das Ergebnis. Zu Fuß statt mit der Gondel einen Berggipfel zu erreichen, stiftet schließlich auch tiefere Zufriedenheit. Offenbar gilt dies sogar für Tiere. So bevorzugten Ratten und Stare in Versuchen Futterquellen, für die sie sich ein bisschen anstrengen mussten.

Selbst ein windschiefes Regal lässt sich also als Beleg der eigenen Kompetenz betrachten. Nur überfordern sollten Unternehmen ihre Kunden nicht. Kryptische Bedienungsanleitungen oder allzu komplizierte Anforderungen beim Aufbau eines Produktes lösen nichts als Frust aus. Und scheitert der Heimwerker am Schrauben, sucht er die Schuld natürlich nicht bei sich selbst, sondern beim Hersteller dieses wirklich vollkommen unmöglichen Bausatzes.

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