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Psychologie:Wir sind ja unter uns

Falschnachrichten und Verschwörungsmythen, auch verbreitet in sozialen Netzwerken, trugen zum Sturm auf das Kapitol Anfang Januar bei.

(Foto: Jose Luis Magana/AP)

Wie sich in den sozialen Netzwerken Echokammern bilden und welche Folgen das für die Demokratie haben könnte.

Von Sebastian Herrmann

Aus dem Land der unbegrenzten Wahrheiten geistern gerade ein paar Zahlen durch die Öffentlichkeit, die das Dilemma grell illustrieren. So haben Umfragen ergeben, dass zwischen 68 und 83 Prozent der befragten Anhänger der US-Republikaner der Meinung sind, Donald Trump sei die Präsidentschaftswahl gestohlen worden. Das sind erschütternde Zahlen, angesichts derer die Frage dringlich wird: Wie kann eine Demokratie überleben, wenn so viele Menschen ihr Vertrauen in die Rechtmäßigkeit von Wahlen verloren haben? Und damit auf die andere Seite des Grabens: In einer Umfrage sagten 22 Prozent der "sehr linken" Anhänger der US-Demokraten, so die Einteilung in der Erhebung, dass die Polizei im Jahr 2019 insgesamt 10 000 oder sogar noch mehr unbewaffnete Schwarze erschossen habe. Die korrekte Zahl lautet 27. Da stellt sich die Frage: Wie kann eine Demokratie überleben, wenn so viele Menschen das Vertrauen an deren Institutionen verloren haben und glauben, es würden täglich regelrechte Massaker verübt?

Nun lassen sich die angeführten Zahlen sicherlich aus guten Gründen kritisieren. Und doch lässt sich eines schwer leugnen: Die beiden politischen Lager der USA leben mittlerweile in getrennten Realitäten. Konservative werden mit Geschichten über niederträchtige Linke und den Auswüchsen der Cancel Culture gefüttert; und Linke hören vor allem Informationen über den Rassismus und Sexismus niederträchtiger Rechter sowie über den Wahnwitz der Trump-Anhänger.

Entwicklungen wie diese führen vor Augen, was Studien wie jene italienischer Informatiker um Walter Quattrociocchi von der Sapienza-Universität in Rom in nüchternen Zahlen darstellen. Wie die Wissenschaftler im Fachblatt PNAS berichten, finden sich in den sozialen Netzwerken homogene Meinungsschwärme zusammen, die sich dann um ihre jeweilige Version von Realität scharen. Diese inhaltliche und politische Stromlinienförmigkeit sei ein Treiber von Radikalisierung und erschwere öffentliche Debatten zunehmend. Es handelt sich um ein Indiz für ein Phänomen, das den meisten Nutzern aus Netzwerken wie Facebook und Twitter selbst bekannt ist: Man bleibt dort meist unter sich und hasst gemeinsam die jeweilige Gegenseite an - das stiftet offenbar Sinn, weil man sich dann zu den Guten zählen und sich selbst als Opfer der Gemeinheiten der Gegenseite gerieren kann.

Das klingt zunächst offensichtlich, jedoch sind Existenz und Effekte sogenannter ideologischer Echokammern alles andere als unumstritten. Einige Studien und Befunde sprechen gegen dieses Konzept im breiteren Sinne. Die Ergebnisse der italienischen Forschergruppe lassen sich jedoch so lesen, dass das explosive Reich der sozialen Medien durchaus von getrennten Echokammern durchzogen ist. Das Team um Quattrociocchi wertet für die aktuelle Analyse die Interaktionen von mehr als einer Million individueller Nutzer aus, die sich auf Facebook, Twitter, Reddit und Gab aus mehr als 100 Millionen Posts ergaben. "Unsere Analyse zeigt, dass Plattformen wie Facebook und Twitter, die als soziale Netze organisiert sind und über personalisierte Algorithmen die Newsfeeds der Nutzer steuern, die Bildung von Echokammern erleichtern", schreiben die Forscher.

Fehlende Meinungsvielfalt begünstigt Radikalisierung

Für die Analyse konzentrierte sich das Team auf Inhalte über in den USA heiß umkämpfte Themen wie Waffengesetzgebung, Abtreibung oder Impfungen. Dabei identifizierten Quattrociocchi und seine Kollegen einige Unterschiede zwischen den Netzwerken: Auf Facebook und Twitter sei es wahrscheinlicher, dass Nutzern Beiträge Gleichgesinnter in die Timeline geraten. Inhalte diffundieren über weltanschaulich homogene Netzwerke innerhalb dieser Plattformen. Auf Reddit und dem weniger bekannten Gab scheint dies etwas geringer ausgeprägt zu sein. Auch zu einzelnen Themen fanden sich Unterschiede: Auf Twitter erreichten Inhalte für ein liberales Abtreibungsrecht ein größeres Publikum als die Gegenseite. Auf Facebook hingegen hatten Impfgegner ein größeres Publikum als Befürworter, auf Reddit Linke und auf Gab eher Rechte einen Reichweitenvorteil.

"Nutzer sozialer Medien bevorzugen Informationen, die zu ihrer Sicht der Dinge passen", sagen die Forscher um Quattrociocchi. Gegenstimmen würden ignoriert und auf diese Weise getrennte, homogene Gruppen gebildet, die sich um ein geteiltes Narrativ scharen. "Ein hoher Grad an Polarisation erleichtert zudem die Verbreitung falscher Informationen", sagt Quattrociocchi. Sind mehr oder weniger alle Mitglieder einer Gruppe einer Meinung, verstärkt dies die radikalsten Vertreter dieser geteilten Sicht der Dinge: Man muss eben richtig auf die Pauke hauen, um in so einem Umfeld noch wahrgenommen zu werden und herauszustechen. Zum Beispiel, indem man halbwahren oder gänzlich erlogenen Kram erzählt, der aber zu den Grundansichten der Gruppe passt und das Bedürfnis befriedigt, sich in seinen Ansichten bestätigt zu sehen. Auf diese Weise driften dann ganze Gruppen in extreme Meinungsgewässer ab.

Wenn sich diese Blasen so weit von einander entfernt haben, dass jeder in eigenen Realitäten haust, wird es gefährlich. Das Überleben einer Demokratie nämlich ist davon abhängig, dass sich die meisten Menschen wenigstens grundsätzlich auf eine gemeinsame Erzählung der Dinge und ein Konzept von "Wir" einigen können. Nur so lässt sich über den Rest halbwegs produktiv streiten.

© SZ
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