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Psychologie:Die andere Seite hat niemals recht

Glühende Verfechter oder Gegner einer Sache reagieren besonders empfindlich, wenn sich die Konkurrenz äußert.

(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)
  • Selbst über harmlose Aphorismen können sich Menschen entzweien. Psychologen haben versucht, die Ursachen für diese extreme Polarisierung zu ergründen.
  • Eine Aussage provoziert laut den Forschern Ablehnung, wenn sie der Falsche äußert, nach der Formel: Wenn der falsche Mensch etwas Richtiges sagt, dann ist das Gesagte automatisch wertlos.
  • Die Studie könnte helfen, Schwung in politisch festgefahrene Debatten zu bringen.

Kämpfer aller Lager gießen in den sozialen Medien Verachtung übereinander aus und donnern einander schwere Keulen auf die digitalen Schädel. Immerhin existierten bisher neutrale Zonen, in denen die Keifenden in den Gefechtspausen ihre Wunden lecken konnten: durchatmen, Katzenbilder betrachten und dann ein paar Kalendersprüchlein lesen, die es auf mysteriöse Weise in jede Timeline schaffen: "Eine sanfte Antwort dämpft die Erregung, eine kränkende Rede reizt zum Zorn." Ja, ja, nickt man onkelhaft, so ist es. Und: "Vielwisserei bringt noch keinen Verstand." Es lässt sich leicht die Augen über Menschen verdrehen, die andere mit Aphorismen wie diesen behelligen. Aber inhaltlich kann man solchen Zitaten kaum widersprechen. Oder doch?

In der erregten und polarisierten Gegenwart entzweien sich Menschen sogar über Kalendersprüchlein, denen sie inhaltlich eigentlich zustimmen. Eine Aussage mag ideologisch unverfänglich sein - wenn sie aus dem falschen Munde stammt, kann sie Ablehnung provozieren. Das berichten Psychologen um Paul Hanel von der britischen Universität Bath im Journal of Experimental Social Psychology. Die andere Seite hat niemals recht, so der Reflex, vor allem nicht, wenn es um hochemotionale Themen geht wie Migration, die Geschlechterdebatte, das Trump-Theater, den Brexit oder Populismus. "Aber sogar triviale Aussagen können polarisieren", sagt Hanel. Zum Beispiel: "Ohne Leidenschaft hast du keine Energie, ohne Energie hast du nichts." Ein unverfänglicher Spruch? Er stammt von Donald Trump.

Bewerten Menschen harmlose Aussagen unterschiedlich, wenn diese von Mitgliedern ihrer eigenen oder denen einer fremden Gruppe stammen? Um diese Frage zu beantworten, legten die Psychologen zum Beispiel Atheisten und gläubigen Christen Aphorismen vor, die aus der Bibel oder von griechischen Philosophen stammten. Nach dem gleichen Prinzip sollten US-Demokraten und US-Republikaner versöhnliche Aussprüche von Politikern wie Hillary Clinton, Barack Obama, Sarah Palin oder Donald Trump bewerten. Mal nannten die Forscher den mehr als 2000 Teilnehmern die korrekte Quelle eines Spruches, mal eine falsche, mal gar keine.

Ein weißer Mann, der Rassismus verurteilt? Buh, unerhört, so einer hat nichts mehr zu melden!

Atheisten stimmten Sprüchen in geringerem Ausmaß zu, wenn es hieß, dass diese aus der Bibel stammten. Das galt auch, wenn das gar nicht stimmte und ein griechischer Philosoph Urheber war. Das gleiche Bild ergab sich unter den US-Bürgern, die Aussagen hochrangiger Demokraten und Republikaner bewerteten. Sie stimmten vor allem dann zu, wenn die Aussagen von einem Vertreter ihrer Partei stammten. "Es geht also vor allem darum, wie die Zitate gelabelt sind", sagt Hanel, "und nicht darum, was sie aussagen."

Glühende Verfechter oder Gegner einer Sache reagieren besonders empfindlich, wenn sich die Konkurrenz äußert. Griechische Philosophen provozieren unter Christen hingegen geringere Ablehnung als Bibelstellen unter Atheisten. Und wie sich in einem weiteren Experiment zeigte: Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn ist eine stärkere Reizfigur als die hölzerne Theresa May. Plattitüden aus dem Mund der Premierministerin provozierten bei politischen Gegnern geringere Ablehnung.

Keine Rolle spielte, wie lange die Probanden über die vorgelegten Sprüche nachdenken konnten. Egal wie viel Zeit sie darauf verwandten, einen Aphorismus in ihren Geist sickern zu lassen, über Ablehnung oder Zustimmung entschied die Quelle. Auch der Bildungsgrad spielte keinerlei Rolle: Egal wie gut der Universitätsabschluss war, auf den Effekt hatte das keine Auswirkung.

"Der Großteil der markantesten Passagen in Politikerreden besteht aus Gemeinplätzen sowie moralisch aufgeladenen Behauptungen und nicht aus echten Argumenten", schreiben die Wissenschaftler. Der Mensch hinter dem Mikro beeinflusst, ob das Publikum nickt, vielleicht sogar stärker als der Inhalt der Rede. Das gilt ebenfalls für Slogans auf Wahlplakaten, die ohne Herkunftsbezeichnungen oft nur platte Allgemeinplätze sind: "Denken wir neu", "Klar für unser Land", "Der nächste Schritt für unser Land" - fehlt das Parteilogo, sagen diese Slogans gar nichts. Mit Kennzeichnung wecken sie hingegen Emotionen, gute wie schlechte.

Die Polarisierung erschwert die Lösung, selbst bei inhaltlicher Übereinstimmung

Für viele Themen gelte zwar, dass sich die Haltungen von Konservativen und Progressiven oder Christen und Atheisten nur marginal unterscheiden, so die Psychologen um Hanel. Aber alle Seiten neigen dazu, die jeweils andere für grundverschieden zu halten. Wir alle sehen und betonen gigantische Gegensätze, wo meist nur kleine Unterschiede zu finden sind. Doch scheinbar vernageln sich die Menschen dagegen, die vielen Schnittmengen zu erkennen, und lehnen Aussagen ab, nur weil sie vom falschen Absender stammen. Die Formel lautet: Wenn der falsche Mensch etwas Richtiges sagt, dann ist das Gesagte automatisch wertlos. Ein weißer Mann, der Rassismus verurteilt? Buh, unerhört, so einer hat nichts mehr zu melden!

"Durch derartige Polarisierung sinkt die Wahrscheinlichkeit einer politischen Einigung - selbst bei einer grundsätzlichen inhaltlichen Überlappung", sagt Hanel. Für Debatten in der Öffentlichkeit könnte es ratsam sein, so überlegt der Psychologe, die politische Haltung nicht von Beginn an offenzulegen. Das könnte die Chance erhöhen, dass der Gesprächspartner eine Weile unvoreingenommen zuhört.

"Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit bei denen, die sich raten lassen."

Wir gegen die anderen: Es ist das Gefühl der Zugehörigkeit, welches das Denken trübt. Die eigenen Leute erscheinen automatisch in günstigem Licht, während Angehörige fremder Gruppe reflexhaft kritisch beäugt werden. Wie stark dieses Wir-gegen-sie-Denken die Bewertung von Vorgängen und Inhalten beeinträchtigt, haben Forscher in der Vergangenheit zig Mal beobachtet. In den 1960er-Jahren demonstrierte der israelische Psychologe George Tamarin, wie die Quelle einer Geschichte moralische Urteile verzerren kann. Er legte etwa 1000 Schülern jüdischen Glaubens eine Geschichte aus dem Buch Josua vor, das Teil des Alten Testaments ist. In der Passage wird geschildert, wie der israelitische Anführer nach der Eroberung einer Stadt sämtliche Bewohner töten lässt, Frauen, Kinder, Männer und Tiere. 60 Prozent der befragten Schüler hielten das Massaker für gerechtfertigt. Behauptete der Psychologe jedoch, die Passage stamme aus einer anderen Quelle und beschreibe Taten, die der chinesische General Lin vor 3000 Jahren befehligt hatte, fiel das Urteil anders aus. Dann hielten nur mehr sieben Prozent der Schüler das Massaker für vertretbar.

In einer Studie aus dem Jahr 2012 fanden denn auch Israelis und Palästinenser einen exakt gleichen Friedensplan für den Nahostkonflikt deutlich weniger überzeugend, wenn er vermeintlich von der jeweiligen Gegenseite ausgearbeitet worden war. Das gleiche Prinzip beobachtete der Psychologe Geoffrey Cohen in Experimenten mit US-Demokraten und -Republikanern. Diese lehnten einen identischen Sozialplan eher ab, wenn dessen Urheberschaft der Gegenseite zugesprochen wurde.

Linke und Rechte verweigern sich im Übrigen mit gleicher Wahrscheinlichkeit und Vehemenz wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihren Überzeugungen widersprechen. Den einen treiben Themen wie Evolution oder Klimawandel die Scheuklappen vor den Geist, die anderen schäumen bei Studien zu Gentechnik, Impfen oder zu genetischen Veranlagungen des Menschen. In einer jüngst im Fachblatt Perspectives on Psychological Science erschienenen Metaanalyse mit Daten von mehr als 18 000 Probanden zeigt sich: Keine Seite des politischen Spektrums verfügt über ein Monopol auf selbstgerechtes Denken. Wie Psychologen um Peter Ditto von der University of California in Irvine zeigen, gehen Konservative und Progressive gleichermaßen geschmeidig mit Fakten um, wenn ihre Haltungen infrage gestellt werden. Zudem sind beide Seiten des politischen Grabens überzeugt, dass nur die anderen voreingenommen seien und durch getönte Filter auf die Welt blickten. Die Deppen sind immer die anderen, natürlich.

Das Fazit der Psychologen um Hanel fällt pessimistisch aus. Wie sollen die Konfliktparteien in zunehmend polarisierten Gesellschaften zu einer zivilisierten Debatte zurückfinden, so fragen die Forscher, wenn sie nicht mal ideologisch unverdächtige Sprüchlein aus dem Munde der anderen ertragen können? Nun, wie heißt es doch: "Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit bei denen, die sich raten lassen." Woher dieses Sprüchlein stammt? Wird lieber nicht verraten.

© SZ vom 11.09.2018
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