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Psychologie:Die andere Hälfte von Mut

Ängste sichern das Überleben der Menschen - doch sie bilden nicht unbedingt die reale Gefahrenlage ab.

Von Jutta Pilgram

Jedes Jahr im Sommer befragt eine große Versicherung die Bundesbürger nach ihren Ängsten. In diesem Jahr stand die Angst vor Donald Trumps Politik auf Platz eins, gefolgt von der Sorge um steigende Lebenshaltungskosten. Die Furcht vor einer Zunahme von Pandemien und einer Ansteckung mit dem Coronavirus landete nur auf Platz neun und Platz 17. Das hat selbst die Studienleiterin verblüfft. "Hier hätten wir höhere Werte erwartet", sagt Brigitte Römstedt. "Die Deutschen reagieren auf die Pandemie keineswegs panisch." Noch erstaunlicher: Laut Umfrage ist das Angstniveau von einem Wert von 39 im vergangenen Jahr auf 37 gesunken - der niedrigste Wert seit Beginn der repräsentativen Studie vor fast 30 Jahren.

Angst ist ein unzulänglicher Ratgeber. Die "Corona-Studie" der Universität Mannheim hat in den vier Wochen nach dem ersten Lockdown täglich die Lebenssituation der Deutschen untersucht und dabei unter anderem das Angstempfinden gemessen. Der Anteil der Personen, die von sehr großer oder ziemlich großer Angst berichteten, lag anfangs bei 18 Prozent, vier Wochen später war er auf acht Prozent gesunken. Und das, obwohl sich die reale Gefahrenlage nicht verändert hatte. Offenbar hatten sich viele Menschen schon nach einem Monat an die neue Situation gewöhnt und gelernt, damit umzugehen. Ein Gefühl der Beherrschbarkeit hatte die Angst in den Hintergrund gedrängt.

Die Risikoeinschätzung des Menschen ist bekanntlich äußerst unzuverlässig. Wir fürchten uns vor Terrorangriffen und Flugzeugabstürzen, dabei sind Bewegungsmangel und Alkohol weitaus gefährlicher. Doch die unspektakulären Alltagsgefahren bringen uns selten aus der Ruhe, wir glauben, dass wir sie notfalls kontrollieren könnten.

Erst seit den 1970er Jahren gilt es als fortschrittlich, öffentlich über Ängste zu reden

Menschen fällt es schwer, in Wahrscheinlichkeiten zu denken. "Es entspricht uns einfach nicht", sagt Horst Müller-Peters, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Technischen Hochschule Köln. Die meisten Menschen seien schon mit relativ einfachen Wahrscheinlichkeitsfragen überfordert. Das führe dazu, dass die Risikowahrnehmung von Bürgern aufgrund von "psychologischen Verzerrungseffekten" deutlich von den realen Risiken abweicht.

Angstempfinden ist keine Konstante, sondern dem historischen Wandel unterworfen. Auch wie Menschen auf die Gefahr einer Pandemie reagieren, verändert sich im Laufe der Zeit. So standen frühere Pandemien in Deutschland im Zeichen "eines Emotionsregimes, das geprägt war von dem Bemühen, eine Panik zu vermeiden", schreibt Frank Biess, Geschichtsprofessor an der Universität San Diego. "Es dominierte die ,Angst vor der Angst"".

Seit den 1970er-Jahren sei Angst kulturell aufgewertet worden, so Biess, nicht nur persönlich, sondern auch öffentlich war es weniger verpönt als früher, über Angst zu sprechen. In der Friedens- und Umweltbewegung habe der Hinweis auf die eigenen Befürchtungen eine rationale, nützliche Komponente bekommen, er galt sogar als fortschrittlich. Auch in dieser Pandemie sei zu beobachten: "Die Denunziation der Angst ist nach wie vor insbesondere in der politischen Rechten zu Hause."

Angst und Risikofreudigkeit schließen einander nicht aus. Von Reinhold Messner stammt der Satz: "Angst ist die andere Hälfte von Mut." Beide Empfindungen, Angst und Wagemut, können täuschen und müssen von der Vernunft ins Gleichgewicht gebracht werden.

© SZ vom 06.11.2020
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