Psychologie des Weinens:Boys don't cry - Wie das Weinen von der Kultur abhängt

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In allen befragten Ländern weinten Frauen häufiger als Männer. Das hatten auch frühere Untersuchungen schon belegt. Die Forscher erwarteten jedoch, dass die Unterschiede sich in gleichberechtigteren Staaten angleichen würden. Die Emanzipation sollte doch dazu führen, dass Männer eher Gefühle zeigen und Frauen seltener Grund zum Weinen hätten. Das Gegenteil war der Fall: In Regionen wie Skandinavien, die bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau weit fortgeschritten sind, lagen Männer und Frauen bei der Anzahl der Heul-Episoden noch weiter auseinander.

Bei Männern fließen zwischen ein bis drei Mal in zwei Monaten Tränen, bei Frauen rund viermal so häufig, sagt Ad Vingerhoets. Vier Faktoren könnten den Unterschied erklären, meint der Psychologe:

  • Frauen haben öfter Anlass zum Heulen. Auch in fortgeschrittenen Staaten arbeiten weit mehr Frauen in sozialen Berufen, etwa in Krankenhäusern. Sie sind daher tendenziell öfter emotionalen Situationen ausgesetzt als Männer, die tagsüber in Büros herumhängen. Frauen werden auch öfter belästigt oder Opfer häuslicher Gewalt.
  • In solchen Konfliktsituationen fühlen Frauen sich manchen Untersuchungen zufolge hilfloser in ihrer Wut. Das letzte Mittel könnten Tränen sein.
  • Der Hormonhaushalt ist schuld. Der Botenstoff Prolaktin senkt die Hemmschwelle des Heulens, mutmaßt der Pharmazeutik-Professor William Frey. In der Pubertät steigt die Produktion dieses Stoffs bei Mädchen an, ab diesem Zeitpunkt gibt es auch die ersten Geschlechterunterschiede beim Weinen. Schwangere weinen am meisten; sie haben sehr viel Prolaktin im Blut, da der Stoff die Milchproduktion steuert. Bei Jungs könnte umgekehrt das männliche Geschlechtshormon Testosteron die Hemmschwelle für Tränen erhöhen.
  • "Boys don't Cry": Weinen wird kulturell gelernt. In westlichen Ländern bekommen Jungs von klein an gesagt, dass sie sich zusammenreißen sollen. Und sie versuchen zwanghaft, sich dran zu halten.

Klar ist: Weinen ist untrennbar mit der Kultur eines Landes verbunden. In den Epen der alten Griechen wird viel geschluchzt, während der europäischen Aufklärung galten weinende Herrschaften als mannhaft. Als Toyota-Boss Akio Toyoda 2010 vor seiner amerikanischen Belegschaft sprach, um sich für eine Pannenserie seiner Autos zu entschuldigen, fing er hemmungslos zu schluchzen an - eine Geste, die japanische Manager recht häufig zum Schuldeingeständnis zeigen.

Wie Menschen mit Tränen kommunizieren, könnte noch einige Überraschungen bereit halten. Israelische Wissenschaftler um Noam Sobel ließen Männer an den Tränen von Frauen schnüffeln, die zuvor emotionale Filme angeschaut hatten. Die Empathie der Männer beeinflusste das nicht großartig. Jedoch knickte ihr Testosteronspiegel merklich ein, und in ihren Gehirnen waren Bereiche, die sexuelle Erregung steuern, plötzlich weniger aktiv. Weibliche Tränen enthielten wohl ein chemisches Signal, schreibt Sobels Team im Fachmagazin Science.

Welcher Stoff das sein soll, wissen die Forscher nicht; sie glauben jedoch, dass er den Sexualtrieb der Männer bremst und sie weniger aggressiv macht. Dazu hätten die Forscher allerdings kein Experiment aufbauen müssen, sie hätten das schon bei Ovid nachschlagen können: "Mit Tränen wirst du Stahl zur Rührung bringen", wusste der römische Dichter.

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