Psychologie des Starrkopfs Begründungen zu suchen, festigt Meinungen

Der Großvater versucht das Kind zu beruhigen, sucht nach einer Begründung und wird fündig. Milch aus der Flasche, so könnte er überlegen, ist nicht gut verträglich für Säuglinge - schließlich liest man ja häufig davon, dass Milch von der Kuh sowieso nichts für den Menschen sei. Sobald der Opa diesen Pfad eingeschlagen hat, bleibt er darauf. Jedes Wimmern des Säuglings dient ihm nun als Beleg. Selbst wenn später klar wird, dass eine Infektion das Kind gequält hatte und nicht die Milch, wird er auf seiner Meinung beharren.

Ein schreiendes Baby, ein Fläschchen, Blähungen - mit solchen Geschichten fütterten die Psychologen Lee Ross und Craig Anderson in den 1980er-Jahren ihre Probanden, als sie grundlegende Studien zur Belief Perseverance betrieben. Dann brachten sie ihre Testpersonen dazu, den entscheidenden Schritt zum Starrkopf zu gehen: Sie baten sie, Gründe dafür anzugeben, warum die präsentierten Anekdoten wahr sein könnten - und damit verfestigten die Teilnehmer ihre Meinung.

Als Ross und Anderson nämlich später alles zurücknahmen und erklärten, dass alles nur erfunden und die Erklärungen für die geschilderten Anekdoten erlogen waren, beeindruckte das die Teilnehmer kaum. Drei Viertel von ihnen beharrten auf der Haltung, die sie zuvor zu den einzelnen Geschehnissen eingenommen hatten, obwohl ihr Fundament aus Fakten gerade eingestürzt war.

Begründungen zu suchen, festigt Meinungen und koppelt sie von den Fakten ab. "Das ist der vermittelnde Mechanismus", sagt Greitemeyer. So war es in den Studien von Ross und Anderson; und so funktionierte es auch in der aktuellen Studie des Psychologen von der Universität Innsbruck.

Auch Greitemeyer hatte seine Probanden aufgefordert, Argumente zu suchen, warum die durch Fälschung diskreditierte These von der körperlichen Höhe und dem prosozialen Verhalten vielleicht doch stimmen könnte. "Je mehr Gründe Probanden finden, desto stärker beharrten sie auch darauf, dass die diskreditierten Ergebnisse doch der Wahrheit entsprechen könnten", schreibt Greitemeyer.

Menschen gieren nach kausalen Begründungen

Menschen gieren offenbar automatisch nach kausalen Begründungen für Ereignisse. Ob diese schlüssig oder schlicht sind, ist egal. Lieber eine schlechte als gar keine Begründung, lautet das inoffizielle Motto der Starrköpfe dieser Welt. Im Fall der Legende vom Heilpflanzenverbot der EU-Bürokraten reicht es, von der Macht der Pharmaindustrie und den korrupten Bürokraten der EU zu raunen - mit diesen Schlagworten rennt man bei sehr vielen Menschen offene Türen ein.

Mit ähnlichen Argumenten verteidigen Impfskeptiker zum Beispiel die Position des Briten Andrew Wakefield, der die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln in einer Veröffentlichung Ende der 1990er-Jahre mit Autismus in Verbindung gebracht hatte. Die Arbeit Wakefields ist als Auftragsarbeit und Fälschung entlarvt. Doch seine Unterstützer suchen lediglich nach Argumenten warum die These doch stimmen könnte - und singen den Evergreen von der Verschwörung der Pharmaindustrie.

Wenn sich Erklärungen in der Erinnerung gefestigt haben, ist ihnen kaum beizukommen. Das haben zum Beispiel die Psychologinnen Hollyn Johnson und Colleen Seifert gezeigt. Sie erzählten Probanden die Geschichte eines Lagerhausbrandes, der durch einen Kurzschluss entstanden sei. Das Feuer sei außer Kontrolle geraten, weil hochentzündliche Lacke und Gasflaschen in der Halle gelagert waren, hieß es. Diesen Teil der Geschichte widerriefen sie später und beraubten ihre Probanden damit der Erklärung für das unkontrollierte Feuer.

Als sie später direkt danach fragten, hatten sich die Probanden gemerkt, dass weder Lacke nach Gasflaschen in der Halle gelagert waren. Als die Psychologinnen aber wissen wollten, warum es bei dem Feuer eine so starke Rauchentwicklung gegeben habe, antworteten viele: "Weil Lack und Gasflaschen brannten." Sie wussten es besser - aber sie kamen nicht damit zurecht, dass ihnen die Erklärung für den Brand weggenommen worden war.

Die Korrektur von Fehlinformationen hinterlässt Lücken im Geist. Diese müssen geschlossen werden, damit der Glaube an widerlegten Unsinn verblasst. Es reicht nicht aus, eine Studie nur als falsch zu kennzeichnen oder zu sagen, dass die EU gar nicht daran denke, Heilpflanzen zu verbieten. Aber was tun? Der Psychologe Anderson zeigte, wie es geht: Es müssen Erklärungen geliefert werden, warum das Gegenteil der diskreditierten Informationen wahr ist. Der Brand im Lagerhaus und die Rauchentwicklung benötigen eine Ursache.

Um gegen die Legende von den Brüssler-Heilpflanzenfeinden anzukommen, müsste erklärt werden, warum gerade die Pharmaindustrie kein Interesse an einem Verbot hat - die verkauft diese Mittel zum Beispiel selbst mit Gewinn. Und im Falle gefälschter Studien verhält es sich ebenso. "Man muss Argumente generieren, warum das gefälschte Ergebnis keinesfalls richtig sein kann", sagt Greitemeyer.

Es existieren Strategien gegen Fehlinformationen. Aber ob sich damit jemals alle Mythen und Legenden entlarven lassen? Unkraut verschwindet nicht vom Acker, trotz hochgiftiger Pestizide.