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Psychologie:Der Batman-Effekt

Batman geht jetzt Hausaufgaben machen, sofort!

(Foto: Alamy/mauritius images)

Es klingt absurd, doch in Kostümen gelingt es Kindern besser, Selbstkontrolle auszuüben. Hinter dem scheinbar bizarren Befund verbergen sich wesentliche Einsichten.

Von Sebastian Herrmann

Zu den ungelösten Rätseln der Menschheit zählt die Frage, wie Eltern die Konzentration ihrer Kinder auf die Erledigung der Hausaufgaben fokussieren können. Statt zu rechnen oder zu schreiben, maulen die Schüler. Sie winden sich, jammern, bummeln, greifen nach dem Smartphone, starren stattliche Löcher in die Luft oder ziehen die Tätigkeit auf andere Art in die Länge. Mütter oder Väter rutschen derweil ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her, ermahnen sich selbst in inneren Monologen, gelassen zu bleiben, verlieren irgendwann die Geduld und zetern auch herum. Die Not ist groß. Doch nun präsentieren Psychologen um Rachel White von der University of Pennsylvania in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Child Development eine ungewöhnliche Lösungsstrategie: Wenn Kinder ein Batman-Kostüm tragen, halten sie bei der Erledigung einer langweiligen Aufgabe deutlich länger durch.

Zugegeben, das klingt zunächst reichlich beknackt. Doch hinter dieser Studie verbergen sich relevante Fragen. Die Psychologen untersuchten für ihr Experiment das Durchhaltevermögen von fast 200 Kindern im Alter von vier oder sechs Jahren. Die kleinen Probanden mussten eine langweilige Aufgabe erledigen, durften sich dabei aber, so oft sie wollten, ablenken und ein Computerspiel spielen. Letztlich ging es in dem Experiment darum, die Wirkung von Selbstdistanzierung zu überprüfen. Aus vielen Studien mit Erwachsenen ist bekannt, dass diese bessere Selbstkontrolle haben, wenn sie quasi wie eine dritte Person von außen ihr Verhalten reflektieren. Diesen Mechanismus wandten die Forscher nun auf Kinder an. Wenn diese sich laut fragten (wozu sie aufgefordert wurden): "Bin ich ein guter Helfer?", dann ließen sie sich besonders leicht von ihrer langweiligen Aufgabe ablenken. Sprachen die Kinder hingegen mit vollem Namen in der dritten Person von sich, blieben sie deutlich länger bei der Sache. Die größte Ausdauer aber hatten die Kinder, wenn sie sich zum Beispiel ein Batman-Kostüm anziehen durften und sich laut fragten: "Ist Batman ein guter Helfer?"

Die Psychologen mutmaßen, dass sich die Kinder damit besonders effektiv von ihrem Selbst distanzieren konnten und auf diese Weise die Aufmerksamkeit von den eigenen Begierden (Computerspiel) ablenkten. Erwachsenen, das ist gut belegt, gelingt es schließlich auch besser, für andere Menschen Entscheidungen zu treffen, als das eigene Gedankenkuddelmuddel zu einem Ziel zu führen. In anderen Studien haben Forscher beobachtet, dass Kinder bei Rollenspielen zum Beispiel vergleichsweise lange imstande sind, auf eine Belohnung zu warten - wahrscheinlich, weil sie die Perspektive ihres fiktiven Charakters einnehmen. Und Batman jammert bestimmt nicht rum, wenn er langweilige Hausgaben machen muss, der macht das einfach, ist ja schließlich ein Superheld. Vielleicht sollten sich Erwachsene auch ein Kostüm überwerfen, während ihre Kinder für die Schule lernen - wenn das hilft, den Stress besser zu ertragen, wäre es das allemal wert.

© SZ vom 10.10.2017

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