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Psychologie:Das Problem der gelösten Probleme

Pressevorbesichtigung zum XXIV. Rohkunstbau

Die XXIV. Rohkunstbau-Ausstellung in Brandenburg nimmt alarmierende gesellschaftliche Bruchstellen in den Blick. Auch sonst herrscht gerade Weltuntergangsstimmung.

(Foto: dpa)

Wenn sich Dinge zum Besseren wenden, verändern Menschen ihre Maßstäbe und klagen erst recht. So lässt sich auch das Gefühl verstehen, dass gerade alles rapide bergab geht.

Von Sebastian Herrmann

Vergangene Nacht, das Fenster im Schlafzimmer war gekippt, und das mit dem Einschlafen hat wieder eine Weile gedauert. Draußen blies der Wind, sachte zwar, aber gerade so, dass er den Sound der zwei Kilometer entfernten Autobahn bis ans Bett trug. Ein leichtes Rauschen, nicht mehr - und trotzdem hat es genervt, verdammt noch mal. Direkt nach dem Umzug in die Vorstadt war das noch anders, da fühlte es sich selbst bei geöffnetem Fenster und rauschender Autobahn an, als krieche absolute, beklemmende Stille bis in die letzte Ritze des Raumes.

Der Kontrast zur nächtlichen Geräuschkulisse im Innenstadt-Schlafzimmer war überdeutlich. Dort hatten regelmäßig die Mitglieder der Jungs-WG im Hinterhaus beim Playstation-Zocken rumgebrüllt, die Nachbarin telefonierte gerne laut am offenen Fenster, auf der Straße plärrten Feierhorden, oder das Rumpeln der Straßenbahn drang bis ans Bett. Der Lärm war normal und nicht des Ärgers wert - doch nach nur wenigen Wochen in der stillen Vorstadt rieb schon sanftes Hintergrundrauschen einer fernen Straße die Nerven wund.

"Wenn Probleme seltener werden, betrachten wir automatisch mehr Umstände als problematisch."

Und damit zum Zustand der Welt: Eine banale Alltagsbeobachtung wie die aus dem Schlafzimmer kann helfen, das um sich greifende Gefühl zu analysieren, wonach es rapide bergab gehe und sich die Zustände dramatisch verschlechterten. Überall Rassisten, Sexisten, überall Flüchtlinge, Gutmenschen, überall Umweltzerstörung, Verschmutzung, überall Armut, Siechtum, Überlastung, Stress, Burn-out. Doch die apokalyptische Bestandsaufnahme trügt. In sehr vielen Bereichen haben wir so große Fortschritte erzielt, dass sich Sorgen, Ärger und Wut nun an Problemchen entfachen, die zuvor quasi unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lagen. Dummerweise verändert sich das Entrüstungs- und Empörungsniveau nicht, der Schaum vor dem Mund bleibt der gleiche.

Diese Eigenart der Wahrnehmung sorgt für den Eindruck, die Menschheit sei außerstande, Probleme zu lösen, und als entwickle sich alles zum Schlechteren. Gerade haben Psychologen um David Levari und Daniel Gilbert von der Harvard University im Fachjournal Science eine Studie veröffentlicht, welche die Macht dieses Wahrnehmungsfehlers eindrücklich demonstriert.

Die Experimente zeigen: Wenn sich ein Problem löst, weiten Menschen reflexartig dessen Definition aus. "Wenn Probleme seltener werden", sagt Gilbert, "betrachten wir automatisch mehr Umstände als problematisch." Die Ergebnisse legten nahe, dass wir immer kritischer auf den Zustand der Welt blicken, je stärker sich dieser zum Positiven entwickelt. "Es scheint so zu sein, dass sich der Fortschritt selbst verbirgt", sagt Gilbert.

Die Forscher untersuchten diese gesteigerte Sensitivität, indem sie ihren Probanden eine abstrakte Aufgabe stellten. Die Versuchspersonen sollten blaue Punkte auf einem Display identifizieren und zählen. Die Färbung der Kleckse changierte von eindeutig Lila in graduellen Abstufungen zu eindeutig Blau, eine simple Aufgabe. Sobald die Psychologen aber die Zahl der blauen Punkte reduzierten, veränderte sich die Wahrnehmung der Probanden - sie weiteten ihre Definition von "Blau" aus und werteten nun auch lila Punkte als Blau. Das Muster zeigte sich zudem unter verschiedenen Bedingungen: egal, ob die Zahl der blauen Punkte langsam oder auf einen Schlag reduziert wurde. Sogar wenn die Probanden gewarnt wurden, dass weniger blaue Punkte auftauchen würden und ihnen Geld als Belohnung für eine exakte Zählung versprochen wurde, änderte das deren Wahrnehmung nicht: Sie nahmen lila Kleckse nun häufig als blaue wahr.

Die Zahlen der Schutz suchenden Neuankömmlinge sinkt, die Wut auf Flüchtlinge aber steigt

Gilbert und seine Kollegen überprüften das Phänomen mit zwei weiteren, weniger abstrakten Experimenten. In einem mussten die Teilnehmer bedrohliche Gesichter zwischen neutralen und freundlichen identifizieren. Sobald wütende Fratzen seltener auftauchten, empfanden viele plötzlich neutrale Mienen als furchteinflößend. Das gleiche Prinzip offenbarte sich, als die Probanden in einer simulierten Kommission darüber entscheiden sollten, ob Anträge für Studien ethisch tragbar seien oder nicht. "Sobald wir die Zahl ethisch fragwürdiger Anträge verringert haben", sagt Gilbert, "bewerteten die Teilnehmer selbst unverfängliche Bewerbungen als unethisch."

Wenn das Problem gelöst ist, werden neue identifiziert

Das alles legt nahe, dass sich viele gesellschaftliche Probleme nicht lösen lassen. Nicht etwa, weil sie nie verschwinden, sondern weil sich die Koordinaten verschieben, wonach Probleme bewertet werden. Der Philosoph Odo Marquard hat dieses Phänomen einst als "Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste" beschrieben. Eine treffende Definition für den Umstand, dass kleine Kratzer am meisten nerven, wenn sie eine ansonsten spiegelglatt polierte Fläche verschandeln.

Für das weite Feld der Medizin hat der Psychiater Arthur Barsky das Phänomen bereits in den 1980er-Jahren als "Gesundheits-Paradoxon" beschrieben. Demnach klagen Bürger umso mehr über Beeinträchtigungen, je gesünder sie als Gesellschaften sind. Ein harmloses Bauchgrummeln lässt sich eben nun zum Symptom einer gefährlichen Allergie oder einer anderen Krankheit hochstilisieren, wenn der Magen erstens nicht chronisch leer ist und zweitens wirklich bedrohliche Leiden nicht mehr alltäglich sind. Überspitzt formuliert: Wo die Cholera wütet, klagen wohl kaum Menschen über eine Laktoseintoleranz. Das geht nur, wenn echte Gefahren verschwunden sind und es möglich ist, dem Hintergrundrauschen des Körpers zu lauschen. Dann werden, im übertragenen Sinne, lila zu blauen Punkten.

Besondere Wucht kann die Penetranz der negativen Reste in politischen Auseinandersetzungen entfalten, die moralisch aufgeladen sind. Zum Beispiel in der Flüchtlingsdebatte: Die Zahlen der Schutz suchenden Neuankömmlinge mögen sinken - die Erregung im rechten Spektrum lässt dadurch aber nicht nach, im Gegenteil. Das Gleiche gibt es im linken Spektrum der Politik: Der Erregungsgrad der Feminismus-Debatte legt vordergründig den Schluss nahe, dass es in den westlichen Gesellschaften noch nie so schlecht um Frauenrechte und Gleichberechtigung gestanden hat wie gegenwärtig. Die Experimente von Gilbert legen einen anderen Schluss nahe: In Sachen Gleichberechtigung hat sich so viel zum Guten entwickelt, dass zunehmend auch kleine Vergehen als sexistisch oder frauenfeindlich interpretiert und geächtet werden.

"Moderne Gesellschaften haben enormen Fortschritt in der Lösung zahlreicher Probleme erreicht"

Der australische Psychologe Nick Haslam von der Universität Melbourne hat das Phänomen in einem Überblicksartikel im Fachblatt Psychological Inquiry auch auf Bemühungen bezogen, Rassismus einzudämmen. An amerikanischen Universitäten sei dieser noch stärker geächtet als anderswo im Land und (wie anderswo auch) über die Jahrzehnte wesentlich zurückgedrängt worden. Weil nun aber ambivalente Situationen im Sinne der Penetranz der negativen Reste negativ bewertet würden, sei an den Universitäten - sehr grob zusammengefasst - das Konzept der sogenannten Mikroaggressionen etabliert worden. Nur wenn offener Rassismus verschwunden ist, kann die Frage an einen dunkelhäutigen Menschen, woher er denn stamme, als rassistisch bewertet werden. Eine Konzeptausweitung: Geht Gewalt zurück, gelten nun zuvor harmlose Umstände als aggressiv und gewalttätig.

Da kommen oft nicht alle hinterher, und deshalb entzündet sich oft Streit. Zum Beispiel in der Debatte über das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule in Berlin: Innerhalb der dortigen Studentenvertretung ist Sexismus vermutlich so sehr geächtet und zurückgedrängt worden, dass dadurch eine extreme Sensitivität entstanden ist.

Überspitzt gesagt: Hier war das Problem gelöst, deshalb wurden neue Probleme identifiziert. Dadurch scheint in dieser Gruppe die Haltung vermutlich selbstverständlich zu sein, wonach die Begriffsreihung "Alleen", "Blumen", "Frauen und "Bewunderer" an sexuelle Belästigung erinnere. Als würde ein neutrales Gesicht als böse bewertet, weil die aggressiven verschwunden sind. Für Beobachter außerhalb der Studentenvertretung, die also nach leicht anderen Maßstäben werten, ist der Streit über das Gedicht hingegen ein starkes Symbol dafür, dass der Feminismus nun endgültig durchdreht und eine Bewegung mit guten Absichten über das Ziel hinausläuft. Im Streit, der daraus entsteht, fühlen sich dann alle in ihrem Pessimismus bestätigt: Böse Männer, böse Frauen, böse, schlechte Welt.

Dabei ist in vielen Fällen eben das genaue Gegenteil der Fall: Die Empörung ist so groß, weil sich die Dinge so gut geschüttelt haben. "Moderne Gesellschaften haben enormen Fortschritt in der Lösung zahlreicher Probleme erreicht", schreiben die Psychologen um Gilbert, "Armut, Analphabetismus, Gewalt und Kindersterblichkeit sind stark zurückgegangen - und trotzdem glauben die meisten Menschen, dass sich die Welt zum Schlechteren entwickelt." Eine Quelle dieser trüben Sicht liegt wohl in der beschriebenen Penetranz der negativen Reste. Ob sich das lindern lässt? Kaum, aber vielleicht hilft es nachts im Bett, das Hintergrundrauschen der Autobahn als das zu betrachten, was es ist: ein leises Geräusch, das nur deshalb durch das offene Fenster dringt, weil es sonst so herrlich friedlich und ruhig ist.

© SZ vom 02.07.2018/beu

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