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Psychologie, Biologie, Evolution:"Auch Schimpansen sind depressiv"

Psychiater Martin Brüne von der Uni Bochum erläutert, wieso man die psychischen Störungen des Menschen im Lichte der Evolution betrachten sollte.

Die Medizin hat Schwierigkeiten damit, zu erklären, wieso psychische Krankheiten trotz verbesserter Gesundheitsvorsorge und Lebensbedingungen gerade in entwickelten Gesellschaften nicht abnehmen. Evolutionsbiologisch ausgerichtete Forscher plädieren deshalb dafür, die Genese etwa von Depressionen und Schizophrenien nicht nur an individuellen Patienten und deren Genen zu erforschen, sondern den stammesgeschichtlichen Kontext zu beachten. Ein führender Vertreter dieses Ansatzes in Deutschland ist der Psychiater Martin Brüne von der Universitätsklinik Bochum.

Schimpansen bilden Freundschaften

Niemand weiß genau, was im Kopf eines Schimpansen vor sich geht. Aber Psychiater wie Martin Brüne sind überzeugt, dass Primaten ähnlich wie Menschen psychische Störungen entwickeln können.

(Foto: Rob Elliot/AFP)

SZ: Epidemiologischen Studien zufolge erkrankt jeder zweite Mensch mindestens einmal in seinem Leben an einer psychischen Störung. Wieso sind diese Krankheiten so beständig und so weit verbreitet?

Brüne: Die Frage ist brisant, denn schließlich hätte die Evolution ja genügend Zeit gehabt, etwa Depressionen über selektive Prozesse auszumerzen. Ich vermute, dass psychische Störungen den gleichen evolutionären Prinzipien unterliegen wie körperliche Krankheiten. Diese entstehen zum Teil durch Verhaltensweisen, etwa Essgewohnheiten, die für Jäger- und-Sammler-Gesellschaften optimiert waren. Dort war es eine sinnvolle Überlebensstrategie, nach süßen und fetthaltigen Nahrungsmitteln zu suchen. In modernen Überflussgesellschaften führt dieses Verhalten aber zu Übergewicht und Diabetes. Diese Krankheiten existieren, weil die biologische Evolution nicht so schnell ist wie die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Menschen. Für heutige Umwelten sind unsere stammesgeschichtlich erworbenen Anpassungen nicht mehr optimal.

SZ: Sie meinen, auch unsere Psyche sei eher für das Leben in der urzeitlichen Savanne angepasst?

Brüne: Ja, es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass die Größe des sozialen Umfeldes und die Vielzahl der Kontakte mit Fremden in modernen Gesellschaften manche Menschen überfordern und sie unter chronischen Stress setzen, der letztlich auch Depressionen verursacht.

SZ: In epidemiologischen Studien finden sich allerdings kaum Hinweise darauf, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der psychischen Erkrankungen drastisch zugenommen hat.

Brüne: Hier geht es um ganz andere zeitliche Dimensionen, nämlich um den Vergleich moderner mit steinzeitlichen Gesellschaften.

SZ: Sind denn indigene Gesellschaften frei von Geisteskrankheiten? Andere Autoren verweisen darauf, dass sich etwa Depressionen auch bei Ache-Indianern in Paraguay oder Buschmännern in Südafrika finden.

Brüne: Es gibt sicherlich in jeder Kultur Menschen, die unsere Diagnosekriterien für psychische Störungen erfüllen, die Frage ist: wie viele? Außerdem scheint der Umgang mit solchen Krankheiten anders zu sein. So finden sich in Stammesgesellschaften häufig extreme Trauerreaktionen, die dann aber auch schnell wieder verschwinden - es kommt seltener zu Chronifizierungen. Selbst in Entwicklungsländern haben Schizophrene noch bessere Prognosen als bei uns. Im Übrigen widerspricht es nicht einer evolutionären Theorie der Psychiatrie, dass Menschen schon immer unter psychischen Störungen litten - im Gegenteil; vermutlich leiden bereits Menschenaffen unter psychischen Störungen.

SZ: Können Schimpansen Wahnvorstellungen haben?

Brüne: Eine hochinteressante Frage. Ich glaube allerdings, dass Affen dazu der kognitive Apparat fehlt. Zu einem Wahn gehört es, Annahmen darüber zu machen, was andere denken, fühlen oder vorhaben, man braucht also eine sogenannte Theory of Mind. Es ist sehr umstritten, ob Schimpansen über diese verfügen. Ich glaube daher nicht, dass Schimpansen halluzinieren können. Unbestritten ist aber, dass sie unter Beschwerden leiden können, die den menschlichen Depressionen, posttraumatischen Störungen und Ängsten gleichen. Sie äußern sich in schweren Stereotypien und sozialem Rückzug.

SZ: Könnte diese Allgegenwärtigkeit psychischer Störungen selbst bei nichtmenschlichen Primaten vielleicht sogar ein Hinweis auf durch sie bedingte, versteckte positive Effekte sein?

Brüne: In der Tat glauben einige Forscher, dass insbesondere die Depression als evolutionäre Anpassung, also als Selektionsvorteil verstanden werden kann: Das dauernde Grübeln helfe etwa bei der Entscheidungsfindung in komplexen sozialen Situationen; die Traurigkeit generiere Hilfsbereitschaft im sozialen Umfeld. Ich bin da sehr skeptisch: Bei sehr leichten Störungen mag das so sein, aber bei klinischen Depressionen sind die Verhaltensweisen so extrem, dass man sie in keiner Weise als hilfreich für den Betroffenen betrachten kann, sie können nicht adaptiv sein. Die meisten evolutionären Psychiater sehen psychische Störungen eher als Extremvarianten außerhalb der Anpassung - als statistische Ausreißer. Es gibt ein Kontinuum zwischen gesundem und krankem Verhalten; wird eine Schwelle überschritten, ist ein Erleben nicht mehr hilfreich: Normale Angst fördert das Überleben, eine Angststörung lähmt nur noch.

SZ: Auch populäre Autoren konstruieren einen Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn etwa bei Künstlern und Wissenschaftlern.

Brüne: Ja, und nennen dann als Beleg die bipolare Störung des Komponisten Robert Schumann, von der man heute aber weiß, dass sie durch eine Syphilis ausgelöst wurde. Das sind so Anekdoten, die nicht viel belegen. Es gibt allerdings Hinweise, dass Schizophrenien und manisch-depressive Erkrankungen in Familien mit Hochbegabten und Kreativen häufiger auftreten; darauf deuten einige Studien aus genetisch abgeschlossenen Populationen wie in Island. Aber in diesen Familien sind es eben nicht die von der Krankheit Betroffenen, die besonders viel leisten. Diese Studien zeigen vielmehr, dass es bei ähnlicher genetischer Ausstattung unterschiedliche phänotypische Entwicklungen geben kann.

SZ: Geben Sie ein Beispiel.

Brüne: Beim sogenannten Serotonin-Transporter-Gen etwa hat sich gezeigt, dass Leute mit einer bestimmten Variante dieses Gens ein erhöhtes Risiko für Depressionen, suizidales und antisoziales Verhalten haben. Wenn aber die Menschen mit dem gleichen Vulnerabilitäts-Gen unter besonders günstigen Umweltbedingungen aufwachsen, können diese sogar empathischer und sozial erfolgreicher werden als Träger der normalen Variante! Das könnte erklären, wieso es diese Gene trotz Evolution überhaupt noch gibt.

SZ: Also doch eine Anpassung?

Brüne: Ja schon, aber eben bezogen auf den Genoytp, nicht auf den Phänotyp, das Erscheinungsbild. Eine Depression ist nicht adaptiv, aber Gene, die unter ungünstigen Bedingungen zu Depressionen disponieren, sind vielleicht adaptiv, weil sie unter guten Bedingungen einen anderen Phänotypen bedingen. Diese letztlich evolutionäre Erklärung ist ein Fortschritt gegenüber dem üblichen Diathese-Stress-Modell der Psychiatrie, das davon ausgeht, dass ein Mensch über eine gewisse Vulnerabilität - Verletzlichkeit - für eine Krankheit verfügt, die dann bei bestimmten Stressoren zum Ausbruch kommt. Evolutionäre Psychiater wissen, dass dieselben Gene sich unter bestimmten Umweltbedingungen günstig oder ungünstig für seinen Träger auswirken können.

SZ: Was bringen evolutionäre Ansätze für den klinischen Alltag?

Brüne: Schon das allgemein bessere Verständnis der Krankheit durch die Evolutionstheorie hilft - etwa zu der Einsicht, dass wir Männer und Frauen besser unterscheiden müssen, was derzeitige Diagnosekataloge nicht ausreichend tun. Wenn etwa der Therapeut weiß, dass depressive Männer häufig abweisend sind, weil es stammesgeschichtlich nicht sinnvoll war, sich als Schwächling zu präsentieren

, dann muss er nicht lange nach weiteren Ursachen dafür suchen.

SZ: Unterscheiden sich auch männliche und weibliche Schizophrenien?

Brüne: Ja. Im Wahn fühlen sich Männer meist von Gruppen anderer Männer verfolgt: Mafia, Polizei, Agenten. Frauen hingegen fühlen sich von Personen aus dem persönlichen Umfeld bedroht, Nachbarn, Familienmitgliedern. Das ist im evolutionären Kontext verstehbar, weil so die frühen Gefahren aussahen: Männer wurden von fremden Männergruppen bedroht, Frauen durch Verstoß aus der Ingroup. Oder nehmen Sie den Liebeswahn, bei dem jemand fest davon überzeugt ist, von einer anderen Person geliebt zu werden. Bei Frauen richtet sich der Wahn meist auf hochrangige, etwas ältere Männer. Bei Männern - wo die Störung ohnehin kaum vorkommt - eher auf attraktive, jüngere Frauen. Hier spiegeln sich die aus der evolutionären Psychologie bekannten, unterschiedlichen reproduktiven Strategien wieder: Frauen suchen Sicherheit für die langjährige Brutpflege, Männer wollen ihre Gene unter möglichst vielen jungen und gesunden Frauen verbreiten.

SZ: Wenn leichte Symptome psychischer Störungen manchmal hilfreich sind, wäre es dann sinnvoll, mit der Therapie zu warten?

Brüne: Es kommt natürlich auf den Schweregrad der Erkrankung an, aber ich glaube auch, dass man nicht jedes Symptom ohne Überlegen einfach nur wegtherapieren sollte: Leichte depressive Symptome können in der Tat bei einem Betroffenen ein Hinweis darauf sein, dass in seinem Leben etwas falsch läuft und vielleicht den Anstoß dazu geben, wichtige biographische Entscheidungen anzugehen.

SZ: Sollte der Mensch also gar nicht immer nur nach dem Glück streben?

Brüne: Manche Forscher vertreten die Ansicht, dass es keine selektiven Vorteile bringt, immer nur froh und glücklich zu sein. Vielmehr könnte es so sein, dass eine gewisse Unzufriedenheit Menschen erst dazu antreibt, aktiv zu werden und ihre Lage zu verbessern.

SZ: Die Evolution verurteilt uns also zu ewiger Unzufriedenheit?

Brüne: Vielleicht ist es nicht nur Unzufriedenheit an sich, sondern das permanente Streben des Menschen nach Neuem.