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Psychologie:Zweijährige Strategen

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Kleinkinder achten auf ihren Ruf.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)
  • Psychologen zeigen in neuen Experimenten, dass sich bereits Kleinkinder um ihren Ruf sorgen.
  • Darum passen die Kleinen ihr Verhalten flexibel und strategisch an ihre Umwelt an.

Von Astrid Viciano

Wenn Zweijährige ihren Willen nicht bekommen, explodieren viele förmlich, mit Vorliebe vor großem Publikum im Supermarkt. Ausgerechnet in diesem Alter, das die Amerikaner deshalb die "terrible twos" nennen, legen Kleinkinder aber gleichzeitig bereits Wert darauf, was andere über sie denken, berichtet Sara Botto, Doktorandin der Psychologie an der Emory University im Fachjournal Developmental Psychology. "Dass wir uns darüber sorgen, welchen Ruf wir unter unseren Mitmenschen haben, ist zutiefst menschlich", sagt die Psychologin. Dass sich diese Eigenschaft schon so früh entwickelt, habe sie selbst überrascht.

Botto machte ihre Untersuchungen mithilfe von 144 Kindern im Alter zwischen 14 und 24 Monaten. Die Psychologin führte ihren kleinen Probanden zum Beispiel einen kleinen Spielroboter vor, den sie mit zwei verschiedenen Fernbedienungen bewegen konnte. Wenn Botto die erste Fernbedienung benutzte, rief sie: "Oh, wow!" Bei der zweiten sagte sie: "Ups, oh nein!". Danach überließ sie den Kindern den Roboter mit beiden Fernbedienungen und sah ihnen mal beim Spielen zu, mal nicht. Dabei fiel ihr auf, dass die Kinder die positiv beurteilte Fernbedienung wesentlich häufiger benutzten, wenn sie sich von ihr beobachtet wussten, als in scheinbar unbeobachteten Momenten.

In einem weiteren Versuch nahmen zwei verschiedene Erwachsene hintereinander die gleiche Fernbedienung in die Hand: Der erste äußerte sich begeistert, der zweite schien dagegen geradezu angewidert zu sein. Als die Kinder dann selbst spielen durften, drückten sie die Fernbedienung deutlich öfter, wenn der enthusiastische Erwachsene anwesend war. "Ich war überrascht, wie flexibel sie bereits waren", sagt Botto. Die Probanden konnten nicht nur die Reaktionen der Erwachsenen verstehen und verarbeiten. Sie konnten auch ihr eigenes Verhalten strategisch der Situation anpassen - je nachdem, ob und von wem sie gerade beobachtet wurden. "Diese Studie zeigt zum ersten Mal, dass so kleine Kinder dazu bereits in der Lage sind."

Andere Studien hatten bereits ergeben, dass drei bis fünf Jahre alte Kinder um ihren Ruf besorgt sind. Hörten sie zum Beispiel, dass sie besonders klug seien, dann neigten sie anschließend eher zum Schummeln - wohl um ihren Ruf als Schlauköpfe zu wahren. Was wiederum bedeutet, dass die Reaktionen der Eltern schon in diesem Alter das Wertesystem der Kinder prägen, sagt Botto.

Wie aber passt das mit den häufigen Wutausbrüchen von Kindern in diesem Alter zusammen? "Mit zwei Jahren können Jungen und Mädchen ihre Gefühle noch nicht kontrollieren", sagt Botto. Die Kinder wünschen sich zwar eine positive Reaktion auf ihr Verhalten. Noch vielmehr sehnen sie sich aber nach dem Schokoriegel an der Supermarktkasse.

© SZ vom 31.08.2018
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