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Psychologie:Am Lieblingsplatz

Liebesschlösser an Brücke

Langweilige Brücke oder der Ort, an dem man sich die Treue schwur: Die Umstände entscheiden über die Sympathie für einen Platz.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Begegnungen mit sympathischen Menschen machen selbst banale Orte interessant.

Von Jan Schwenkenbecher

Eine Bushaltestelle ist eigentlich nicht dafür bekannt, große Emotionen zu wecken. Doch neulich kam auch der Sohn mit dorthin. Er tippte dem Vater kurz auf die Schulter und rief "du bist", woraufhin sich ein wildes Fangenspiel entwickelte, bis beide schließlich schnaufend und lachend den Bus bestiegen. Fortan war die Haltestelle nicht mehr nur dieser langweilige Ort auf dem Weg zur Arbeit, sondern mit der schönen Erinnerung verknüpft. Menschen bewerten jene Orte positiver, an denen sie mit Menschen zusammen sind, die sie mögen. Das haben Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitionswissenschaften und der Harvard Universität vor Kurzem herausgefunden. Der Clou dabei: Das Treffen muss gar nicht wirklich stattfinden, es reicht, wenn man es sich vorstellt. So wie das Fangenspiel.

In der Studie, deren Ergebnisse die Forscher in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlichten, nannten die 18 Versuchsteilnehmer zunächst 100 Orte aus ihrem Alltag. Das konnten Schlaf-, Arbeits- oder Wohnzimmer sein, ihr Stammrestaurant von nebenan oder eben die Bushaltestelle auf dem Weg zur Arbeit. Ebenso sollten sie 150 ihnen bekannte Personen nennen - 100, die sie mochten, 30, die sie neutral bewerteten und 20, die sie nicht besonders gut leiden konnten. Anschließend gaben die Teilnehmer auf einer Skala von eins bis neun an, wie vertraut sie mit den Orten und Personen waren und wie sehr sie diese mochten.

Selbst ein imaginäres Treffen mit einer geliebten Person kann einen Ort positiv besetzen

Die Forscher wählten schließlich 28 Orte aus, deren Bewertung möglichst nahe bei fünf Punkten lag - die also als neutral galten. Zudem wählten sie für jeden Teilnehmer die 14 Personen aus, die sie am meisten und am wenigsten leiden konnten. Jede dieser Personen wiesen sie nach dem Zufallsprinzip einem der ausgewählten Orte zu. Diese Kombinationen nannten die Forscher den Teilnehmern dann nach und nach, also etwa: "Sohn - Bushaltestelle vor dem Haus". Für 7,5 Sekunden sollten sich die Versuchspersonen dann "so lebhaft wie möglich" ein Treffen mit dem jeweiligen Menschen an der besagten Stelle vorstellen. Nach 28 Durchgängen mussten die Versuchsteilnehmer erneut angeben, wie sehr sie Personen und Ort mochten.

Wie sich zeigte, bewerteten die Probanden die vormals neutralen Orte nun positiver. Das taten die Teilnehmer zwar auch nach fiktiven Treffen mit jemandem, den sie nicht mochten. Doch deutlich sympathischer waren ihnen nun jene Plätze, an denen sie per Gedankenkraft Menschen trafen, die sie gerne hatten. Anschließend wiederholten die Forscher die Studie mit nun 30 Probanden. Dabei zeigten sich die gleichen Ergebnisse. "Allein die Vorstellung, mit einer geliebten Person an einem neutralen Ort zu interagieren, kann den emotionalen Wert der Person auf diesen Ort übertragen", sagt Daniel Schacter, einer der an der Studie beteiligten Forscher. "Und wir müssen die Ereignisse nicht einmal in der Realität erleben."

Weil die Versuchsteilnehmer während ihrer gedanklichen Treffen in einem Hirnscanner lagen, konnten die Wissenschaftler mit den fMRI-Daten zudem untersuchen, was während der Fantasietreffen in deren Kopf geschah. Eine wichtige Rolle spielte demnach der im vorderen Bereich des Gehirns liegende ventromediale präfrontale Kortex. Dort werden den Forschern zufolge nicht nur Informationen über spezifische Personen oder Orte gespeichert, sondern diese auch nach ihrer Wichtigkeit bewertet. "Wir vermuten", so sagt Erstautor Roland Benoit, "dass diese Region Darstellungen unserer Umwelt bündelt, indem sie Informationen aus dem ganzen Gehirn zu einem Gesamtbild zusammenfügt."

© SZ vom 29.07.2019
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