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Psychoakustik:Münchner Forscher entwickeln eine Jazz-Glocke

Jazz-Glocke

Marcus Maeder, Messingenieur am Lehrstuhl für Akustik mobiler Systeme der TU München, bei der Klangmessung der Glocken.

(Foto: Uli Benz/dpa)
  • In Europa kennen die Menschen vor allem düstere Moll-Akkorde in einem Kirchengeläut; schon fröhlichere Dur-Akkorde sind dort selten und ungewohnt.
  • Forscher haben mithilfe eines Computerprogramms einen Akkord berechnet, der nach typischem Jazz klingt.
  • Im besten Fall könnte die neuartige Glocke helfen, grundlegende Fragen der Psychoakustik zu beantworten. Diese Disziplin untersucht, wie ein Alltagsgegenstand klingen sollte, um positive Assoziationen beim Verbraucher hervorzurufen.

Äußerlich gibt sie ihr Geheimnis nicht preis. Die Glocke sieht gewöhnlich aus, 30 Zentimeter hoch, 20 Kilogramm schwer, gegossen aus einer sechsprozentigen Zinn-Kupfer-Legierung. Nur ihre Inschrift enthält einen Hinweis: Auf dem Klangkörper prangt das Emblem der Technischen Universität München. Entstanden ist die Glocke nicht in einer traditionellen Gießerei, sondern in einem Labor. Die Besonderheit der Glocke liegt in ihrem Klang: "Jazzig" sei der, sagt Lennart Moheit vom Lehrstuhl für Akustik mobiler Systeme.

Die Jazzglocke ist eine Exotin. In Europa kennen die Menschen vor allem düstere Mollakkorde in einem Kirchengeläut; schon fröhlichere Durakkorde sind dort selten und ungewohnt. Das aber gilt nicht universell. Zum Beispiel klingen europäische Kirchenglocken für Asiaten fremdartig, während umgekehrt deren länglich geformten Glocken sich für Europäer fast so exotisch anhören wie die Jazzglocke.

"Das meiste sind designte Klänge"

Zunächst kreierte Moheits Student Felix Thomann mithilfe eines Computerprogramms einen Akkord, der nach typischem Jazz klingt. Dann berechnete ein Programm, wie eine Glocke geformt sein müsste, um diesen sogenannten A9-Akkord von sich zu geben. Schließlich setzten Thomann und seine Kollegen um, was der Computer berechnet hatte, und gossen den Klangkörper. Ob dieser tatsächlich exakt in dem erwarteten Jazzakkord ertönt, müssen die Forscher noch überprüfen.

Im besten Fall könnte die neuartige Glocke als eine Art Modell helfen, grundlegende Fragen der Psychoakustik zu beantworten. Diese Disziplin untersucht, wie ein Alltagsgegenstand klingen sollte, um positive Assoziationen beim Verbraucher hervorzurufen und welche Klangqualitäten dafür ausschlaggebend sind. Das ist zum Beispiel bedeutsam für die Entwicklung von Haushaltsgeräten und Autos.

Anders als man vielleicht vermuten würde, ist in beiden Fällen leiser nicht automatisch besser. Einen Staubsauger, der möglichst wenig Krach macht, halten viele Verbraucher, zumindest in Deutschland, intuitiv für leistungsschwach. Bei einem Geschirrspüler mögen es viele Menschen, wenn sie das Geräusch an das Schrubben von Bürsten erinnert. In Asien, erzählt Moheit, werde das Geschirr lieber mit Geräuschen gespült, die an eine Tropfsteinhöhle erinnerten.

Wichtig werden die Erkenntnisse der Psychoakustik vor allem dann, wenn technische Fortschritte es ermöglichen, nahezu lautlose Produkte zu entwickeln. "Beim Auto kommt nur noch ein sehr kleiner Teil der Geräusche vom Motor. Das meiste sind designte Klänge", sagt Moheits Kollegin Magdalena Scholz. Bisher fällt es den Menschen schwer, sich von dem vertrauten Klang eines Motors - und den damit verbundenen Assoziationen von Kraft und Geschwindigkeit - zu verabschieden. Soll das auch so bleiben, wenn vermehrt die nahezu lautlosen Elektroautos auf den Straßen herumkurven?

Wie individuell die Antworten auf solche Fragen ausfallen, ist den Forschern dabei bewusst. "Wer das Geräusch einer automatischen Kaffeemühle vom Familienfrühstück kennt, wird mit dem Klang etwas anderes verbinden als jemand, der nur am Arbeitsplatz hört, wie Bohnen gemahlen werden", sagt Scholz. Und wer weiß, vielleicht treffen sie und ihre Kollegen irgendwann sogar mal auf einen Menschen, dem das Geläut einer Jazzglocke vertraut vorkommt.

© SZ vom 29.06.2018/fehu
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