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Psychische Störung:Strenge Regeln, straffer Wochenplan

Die Regeln im TCE sind streng, der Wochenplan ist straff. Jeden Tag zwei Stunden Schulunterricht, anderthalb Stunden Gruppentherapie, dazu Körper-,Verhaltens- und Einzeltherapie über die Woche verteilt, mehrere Mahlzeiten am Tag; all das soll dazu dienen, die Mädchen wieder an eine feste Essstruktur zu gewöhnen und ihr Gewicht schnell zu erhöhen. Denn im Extremfall kann die Magersucht zum Tod führen. Etwa fünf Prozent aller Patienten sterben daran.

Einen einzigen Nachmittag in der Woche haben die Mädchen frei - "Spaß am Leben" steht für diese Zeit auf dem eng beschriebenen Stundenplan. Längst haben sie vergessen, wie sich das anfühlt.

Seit Februar läuft das Kinder- und Jugendkonzept für Essstörungen am TCE, das sich speziell an besonders junge Patientinnen im Alter von zwölf bis 15 Jahren richtet. Zu wenige Einrichtungen seien darauf spezialisiert, sagt Therapeutin Miriam Rödhammer. Dabei benötigen die jungen Patientinnen teils eine andere Therapie als die älteren, so spielen die Eltern eine weitaus wichtigere Rolle.

Wie sehr die Mädchen noch immer Kind sind, wird spätestens in der Wochenendbesprechung an diesem Morgen deutlich: Nadine ist enttäuscht, dass ihre Eltern sich keine Geburtstagsüberraschung für sie ausgedacht haben; ein anderes Mädchen nennt den Fernsehabend mit Mama und Papa sein Wochenend-Highlight, "das war so schön kuschelig und gab es schon lange nicht mehr"; und wieder ein anderes hatte Streit mit seiner Mutter. Traurig blickt das Mädchen ins Leere und umfasst dabei seine Knie. "Dabei weiß ich gar nicht, warum wir eigentlich gestritten haben."

Sie alle werden mehrere Wochen in der Klinik bleiben müssen, wenn nicht sogar mehrere Monate. Bis es den Patientinnen dauerhaft bessergeht, ist es ein langer Weg. Die Magersucht beißt sich fest in ihrem Kopf und zerrt an Körper und Psyche. Häufig entwickeln sie weitere Krankheiten wie schwere Depressionen und Zwangshandlungen. Viele Mädchen mit Magersucht sind stark leistungsorientiert und sehr intelligent. Nadine ist eine gute Schülerin, die freiwillig den verpassten Schulstoff nacharbeitet.

Andere Kinder würden sich freuen, wenn sie für einige Wochen den Unterricht versäumen dürften, Nadine hingegen verbringt die Wochenenden mit Hausaufgaben. Ihren Klassenkameraden hat sie eine Tabelle geschrieben, dort sollen ihre Freundinnen für sie den gesamten Lernstoff detailliert notieren. Es geht, wie beim Hungern, vor allem um eines: das Gefühl von Kontrolle. Und die gibt niemand gerne her. Deswegen ist die Magersucht so hartnäckig.

Für jede Mahlzeit im TCE gibt es daher feste Regeln, die eingehalten werden müssen: normales Esstempo, während der Mahlzeiten keine Gespräche übers Essen, den Löffel voll machen, alles aufessen. Jede Patientin muss zum Frühstück und Abendessen mindestens eine Portion Butter von fünf Gramm zu sich nehmen - für Nadine und die meisten anderen ein Problem, so wie jetzt beim Frühstück.

Akribisch und mit höchster Aufmerksamkeit, so als hantierten sie mit einer gefährlichen Chemikalie, schneiden sich die Mädchen unter den Augen der anderen ein Stück Butter zurecht. Nadine hält den schmalen Streifen auf ihrem Messer in die Luft, kneift die Augen kritisch zusammen und dreht das Messer langsam, sodass alle die Butter darauf sehen können.

Erst wenn die anderen Mädchen die Portionsgröße abgenickt haben, kommt die gelbe Masse auf die Brezel. Nadine schmiert ihre mit einem solchen Ernst, als löse sie eine schwierige Mathematikaufgabe. Nachdem auch die anderen ihre Portionen zubereitet haben, stellt sie eine Eieruhr auf 20 Minuten, in dieser Zeit müssen alle aufgegessen haben. Nadine wirkt gequält. Nach der Mahlzeit, wenn die Mädchen besprechen, wie sie sich während des Essens gefühlt haben, wird sie sagen, dass sie jetzt ein sehr schlechtes Gewissen habe. Ihre Portion sei zu groß gewesen, und dann auch noch die Butter.