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Psychische Störung:Immer mehr Kinder sind magersüchtig

Früher waren Anorexie-Patientinnen im Alter von zwölf bis 14 Jahren die Ausnahme - heute sind sie die Regel. Und die Krankheitsverläufe sind bei ihnen oft besonders schwer und langwierig.

An einem Tag im September beschließt Nadine, nicht mehr regelmäßig zu essen. Anfangs verzichtet sie auf Fleisch, dann auf die geliebten Süßigkeiten. Sie spart das Frühstück ein, später auch die Mittagsmahlzeit. Sechs Monate nach ihrem Beschluss und kurz bevor sie im Krankenhaus vorstellig wird, besteht Nadines Tagesration nur noch aus einem Löffel Apfelmus und einer Scheibe Brot. Bei einer Größe von 1,72 Meter wiegt sie 44,9 Kilogramm.

Magersucht bei Kindern

Möglichst wenig essen und möglichst dünn sein, am besten so wie auf diesem Bild. Darum dreht sich das Leben von Magersüchtigen. Auch Kinder erkranken immer häufiger.

(Foto: iStockphoto/sueddeutsche.de)

In ihrem alten Leben aß Nadine gerne Semmelauflauf mit Rosinen und Äpfeln, fuhr Einrad und freute sich an Insekten, die sie beim Krabbeln in der Natur beobachtete. Sie war ein fröhliches, aufgeschlossenes Mädchen, das gerne zur Schule ging, sagt die Mutter.

In ihrem neuen Leben kann Nadine nicht einmal mehr ein trockenes Brötchen essen, ohne daran zu denken, sie könne fett werden. Alles dreht sich um das Thema Essen oder vielmehr darum, es nicht zu tun. Hungern ist zu ihrer Obsession geworden; wenige Kilos auf der Waage und gute Schulnoten seien das Einzige, worüber sie sich noch freuen könne, sagt Nadine.

Sie ist zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt.

Das Mädchen leidet an Magersucht - einer Krankheit, die Experten zunehmend auch bei Kindern beobachten und die zu den schwersten psychosomatischen Erkrankungen zählt. Zwar bleibt die Anzahl der Anorexiepatienten seit Jahren in etwa konstant; im bekannten Risikoalter zwischen 13 und 25 Jahren erkrankt etwa jeder Hundertste, die meisten sind Frauen oder Mädchen. "Aber im Klinikalltag kann man in den vergangenen 20 Jahren klar beobachten, dass die Patienten immer jünger werden", sagt Ernst Pfeiffer, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité Berlin. Im Jahr behandelt er bis zu drei Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren, die an Magersucht leiden. Die Fälle seien selten - noch. Doch Patientinnen im Alter von zwölf bis 14 Jahren sind schon heute die Regel und waren früher die Ausnahme.

Im Therapiezentrum für Essgestörte (TCE) in München ist Nadine momentan die jüngste Patientin, vor einigen Wochen erst hat sie ihren 13. Geburtstag gefeiert. Doch in diesen Tagen bezieht ein elfjähriges Mädchen sein Klinikbett; das Kind leidet bereits seit zwei Jahren an Magersucht. "Vor zehn Jahren, als ich hier angefangen habe, hat es so etwas nicht gegeben", sagt Karin Lachenmeir, die Leiterin des TCE.

Nadine ist es egal, was die Experten sagen. Ihre Gedanken kreisen momentan allein um die Frage, ob sie in den vergangenen Tagen zugenommen hat oder nicht. Es ist ein Montagmorgen, acht Uhr, gleich muss sie zum Wiegen antreten. Das Wochenende hat sie zu Hause verbracht. Es war kein gutes; wieder hatte Nadine Streit mit ihren Eltern, weil sie ihren streng geregelten Essensplan nicht einhalten wollte. Eigentlich hätte sie am liebsten gar nichts gegessen, sie überlegt, ob sie die Therapie abbrechen soll.

Das Mädchen sitzt im Gruppenraum auf dem Fußboden, den Rücken an die Wand gelehnt, die dürren Beine fest an den Körper gezogen. Mit dem hellen Teint, den hohen Wangenknochen und den langen blonden Haaren wirkt Nadines Gesicht wie das einer Porzellanpuppe; es ist auch fast so regungslos. Sie spricht kaum ein Wort, ihr Blick geht schüchtern Richtung Fußboden. Auch die anderen vier Patientinnen sagen nur das Nötigste. Als die Diätassistentin aus dem Wiegezimmer "Die Nächste bitte!" ruft, steht niemand auf. Nadine hat Angst. Schließlich erhebt sie sich doch, ihr Körper wirkt dabei irritierend verzerrt; der Kopf viel zu groß, der Rumpf mit den staksigen Beinen viel zu dünn.

"War's gut?", fragt eines der anderen Mädchen, als Nadine vom Wiegen zurückkommt.

"Für mich gut, für hier schlecht", sagt sie und lächelt schuldbewusst. Sie hat zwar zugenommen in den vergangenen beiden Tagen, 50 Gramm immerhin, aber das für alle gültige Wochenziel von 500Gramm trotzdem nicht erreicht - schon zum zweiten Mal nicht. Es ist Nadines dritte Therapiewoche, seit ihrer Ankunft hat sie gerade einmal 200 Gramm zugenommen. Für sie bedeutet das: Ihre Essensportionen werden hochgestuft; sie muss nun einen "Gewichtsvertrag" abschließen. Für die nächsten zwei Wochen verpflichtet sie sich schriftlich, die jeweils 500 Gramm wirklich zuzunehmen.