Psychische Probleme bei Migranten Die Schlange im Bauch

Migranten erleben psychische Leiden oft anders als Einheimische. Der Berliner Arzt Guido Pliska erläutert, warum das so ist.

Ein Interview von Christine Zeiner

SZ: Herr Pliska, in Ihre Klinik in Kreuzberg kommen viele Patienten mit türkischem und arabischem Hintergrund. Ändert das den Krankenhaus-Alltag?

Unter Migranten gibt es im Falle von psychischen Problemen offenbar eine größere Bereitschaft der Familie, sich zu kümmern. Allerdings wissen sie häufig erschreckend wenig über ihre Erkrankung.

(Foto: Vitaliy Hrabar - Fotolia)

Guido Pliska: Es gibt natürlich Missverständnisse. Viele Migranten gehen selbstverständlich davon aus, dass ihre Angehörigen sie besuchen und pflegen - so, wie sie es aus ihrer Heimat kennen. Hier stoßen sie aber auf Pflegepersonal oder auf Mitpatienten, die sagen: "Da sind immer so viele Leute im Zimmer, das kann nicht sein." Man sollte sich dann um Kompromisse bemühen.

SZ: Wie viele Migranten schaffen es überhaupt ins deutsche Versorgungssystem?

Pliska: Das ist eine Schwierigkeit. Untersuchungen besagen, dass Migranten häufiger in Akutsituationen aufgenommen werden, es häufiger Noteinweisungen gibt. Sie wissen häufig erschreckend wenig über ihre Erkrankung. Es ist also wichtig, Strukturen zu schaffen, die es auch für Migranten attraktiver machen, zu uns zu kommen. Wir achten deshalb darauf, Kollegen aus verschiedenen Ländern in der Abteilung zu haben. Und es geht weiter bis hin zu Gesundheitskampagnen, die im türkischsprachigen Fernsehen ausgestrahlt werden, oder um Anzeigen in der Hürriyet zur Verbesserung des Wissens um Krankheiten.

SZ: Gehen Migranten mit psychischen Störungen anders um als deutsche Patienten?

Pliska: Viele wissen gar nicht so genau, was ein Psychiater überhaupt ist, oder was Psychotherapie soll. Manche Migranten haben auch schlechte Erfahrung gemacht, zum Beispiel in Russland, wo Regimekritiker in die Psychiatrie abgeschoben werden. In vielen Entwicklungsländern wiederum gibt es nur die geschlossene Psychiatrie. Da gehen nur die hin, die außer Rand und Band sind.

SZ: Welche Rolle spielt das Umfeld?

Pliska: Es gibt unter Migranten eine größere Bereitschaft der Familie, sich im Fall einer Notlage zu kümmern. Erst wenn es gar nicht anders geht, wird der Psychiater aufgesucht. Deutsche lagern Probleme oft aus: Man geht zur Beratungsstelle, zum Psychotherapeuten. Wir in der Klinik haben oft aus allen Bindungen gefallene junge Deutsche.

SZ: Man spricht in Familien mit Migrationshintergrund eine Erkrankung offener an?

Pliska: Ja, zumindest sagen deutsche Patienten häufig: "Bitte nicht mit den Eltern sprechen." Bei Migranten ist das oft genau umgekehrt. Da wollen wir Erstgespräche unter vier Augen machen und bekommen zu hören: "Bitte holen Sie meinen Angehörigen dazu."

SZ: Warum?

Pliska: Bei uns gilt man als erwachsen, wenn man sich von der Familie emanzipiert hat. Das ist in anderen Ländern umgekehrt. Da gilt es als Zeichen von Reife, wenn man in die Familie integriert ist und sich für sie einsetzt. Der Einzelne kann ohne die Familie schwer leben und ist auch nichts wert. Wenn jemand aus der Familie rausgefallen ist und alleine dasteht - für den ist das eine Katastrophe und für uns in der Arbeit schwierig.

SZ: Unterscheiden sich psychische Krankheiten in den Kulturen?

Pliska: Prinzipiell gibt es in anderen Kulturen eigene Krankheitsbilder - zum Beispiel die Kajak-Angst der Eskimos, spezielle Panikattacken, die mit den dortigen Jagd- und Lebensbedingungen zusammenhängen. In Asien gibt es die Angst, dass die Genitalien schrumpfen und in den Körper eingesogen werden.

Aber in allen Kulturen gibt es die großen psychiatrische Krankheitsbilder wie Schizophrenie und Depression, sie werden aber anders erlebt.In Indien berichten Schizophrene häufiger über optische Halluzinationen. Bei uns denkt man da eher an ein Alkoholentzugsdelirium.

Die Depression wiederum kann in anderen Ländern mit merkwürdigen Wahnsymptomen einhergehen: Jemand meint, er habe eine Schlange in sich, die ihn auffrisst. Wenn man das bei uns hört, würde man eher an eine Schizophrenie denken. Da gibt es Verwechslungsgefahren.

SZ: Sind Migranten insgesamt häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als Deutsche?

Pliska: Das ist sehr schwierig zu beantworten. Die türkische Community beispielsweise hat einen anderen Bildungsstand und eine andere Altersstruktur, die den Vergleich erschwert. Alles in allem geht man aber davon aus, dass Migranten nicht häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen sind - obwohl man eigentlich das Gegenteil erwarten müsste, weil Migration ja Belastung bedeutet.

Es gibt aber stärkende Faktoren, den Familienzusammenhalt und das sogenannte Healthy-Migrant-Syndrom: Diejenigen, die sich trauen ins Ausland zu gehen, sind psychisch gesunde Menschen. Risikofaktoren und Schutzfaktoren gleichen sich offenbar aus.

SZ: Gibt es zumindest spezifische Probleme, die bei Migranten eher auftreten?

Pliska: Beispielsweise wird das Suizidrisiko aus dem Heimatland mitgenommen, das gilt für die erste und zweite Generation. Türken in Deutschland haben demnach ein relativ geringes Suizidrisiko, Russen wiederum ein großes. Oder bei Essstörungen ist es so, dass junge Migrantinnen ein fünfzig Prozent höheres Risiko haben, daran zu leiden.

SZ: Warum ist das so?

Pliska: Die wesentliche Erklärung ist wahrscheinlich, dass die Identität sich schwer ausbilden kann, wenn die Mädchen in der Pubertät zwischen alter und neuer Heimat hin- und hergerissen sind. Es ist eine Phase, in der regressive Bedürfnisse nach Versorgung mit Autonomiewünschen konkurrieren. Die aufnehmende Kultur fordert Selbständigkeit, am anderen Ende zieht die Familie.

Solche Identitätsprobleme spielen bei der Genese einer Essstörung eine besondere Rolle.

SZ: Mit dem Schlankheitswahn bei uns hat das weniger zu tun?

Pliska: Doch. Das ist eine weitere Hypothese: Das höhere Risiko könnte mit der Verinnerlichung von bestimmten westlichen Werten zu tun haben - Leistung, Fitness, Figur. In bestimmten Inselregionen hat man nachgewiesen, dass sich erst nach der Einführung des Fernsehens Essstörungen entwickelt haben.

SZ: Wie gehen Männer mit den psychischen Anforderungen um?

Pliska: Bei Männern sind Alkohol und Drogen wichtiger, sie reagieren eher mit nach außen gerichtetem aggressiven Verhalten. Frauen landen eher in der Psychiatrie, Männer im Gefängnis.