Süddeutsche Zeitung

Prozess gegen U-Bahn-Schläger:Die Wurzeln der Gewalt

Lesezeit: 5 min

Die Anklage wirft den zwei Münchner U-Bahn-Schlägern versuchten Mord aus niederen Beweggründen vor. Doch solche Verbrechen haben andere Ursachen, sagen Experten.

Markus C. Schulte von Drach

Es war ein unglaublich brutaler Angriff, für den zwei junge Männer in München nun vor Gericht stehen. Beobachtet von Überwachungskameras, hatten die Zwei einen 76-Jährigen durch eine U-Bahn-Station gehetzt, ihn zu Boden geworfen und solange auf seinen Kopf eingetreten, bis der Schädel dreimal gebrochen war. Die beiden 17- und 20-Jährigen hatten den Rentner fast umgebracht. Vor dem brutalen Angriff hatte er sie gebeten, ihre Zigaretten auszumachen. Mehr war nicht nötig.

Was ist los mit diesen jungen Menschen? Spielt es eine Rolle, dass sie Migrantenkinder sind, wie manche Politiker andeuten? Würde es helfen, wenn das Jugendstrafrecht schon auf unter 14-Jährige angewendet würde? Sollte man sie in Bootcamps nach US-Vorbild stecken, wo sie gedrillt werden?

Solche Vorschläge ärgern Gerd Lehmkuhl. Die Verschärfung des Strafrechts und die Einrichtung von Jugendcamps wirkten weder abschreckend noch erzieherisch, betont er.

Zusammen mit drei anderen Kinder- und Jugendpsychiatern hat der Kölner Professor eine Stellungnahme zur Jugendgewalt formuliert. Darin nehmen die Fachleute kein Blatt vor den Mund. Statt populistische Forderungen zu stellen, sollten sich Politiker lieber konstruktiven Programmen zuwenden, so die Psychiater.

Schließlich gebe es längst "umfassende wissenschaftliche Ergebnisse zur Entstehung, zur Vorbeugung und zum Verlauf aggressiven und dissozialen Verhaltens". Jugendgewalt lasse sich durchaus verhindern. Aber das "erfordert ein Umdenken".

Unterstützung finden die Psychiater bei Friedrich Lösel, dem Direktor des Institute of Criminology der Universität Cambridge. "In Großbritannien sind Kinder mit zehn Jahren strafmündig. Das bringt auch nicht mehr als die Strafmündigkeit mit 14 in Deutschland", sagt Lösel, der auch Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg ist. Wer die Gesellschaft vor Jugendgewalt schützen will, muss mit der Vorbeugung früher anfangen. Viel früher.

Schläger wie die aus der Münchner U-Bahn gehören zu jenen 7,5Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die unter behandlungsbedürftigen "Störungen des Sozialverhaltens" leiden.

Bereits früh aufsässig, impulsiv und aggressiv

Diese psychiatrischen Störungen zeichnen sich in der Regel bereits im Vor- oder Grundschulalter ab. Etwa zwei Prozent aller Kinder stellen den harten Kern jener dar, die sich langfristig zu gewalttätigen Intensivtätern entwickeln, sagt der Psychologe Wolfgang Ihle von der Universität Potsdam.

Diese Kinder sind bereits früh aufsässig, impulsiv und aggressiv. Sie schlagen, zerstören, lügen oder stehlen und haben Probleme, sich in Gruppen einzuordnen. Viele zeigen bereits mit zwei Jahren erste Symptome.

"Natürlich tritt so ein Verhalten bei vielen Kindern mal auf", sagt Lösel. Belastungssituationen wie eine Scheidung der Eltern können aggressives Verhalten hervorrufen. Auch begehen Jugendliche, die sich von den Eltern lösen und die Lust auf Autonomie und Abenteuer stillen wollen, manchmal Straftaten.

Doch "das wächst sich meist wieder aus", so der Psychologe. Zeigt sich das dissoziale Verhalten aber sowohl in der Familie und in der Schule als auch im Freundeskreis, müssen nach einem halben Jahr die Alarmglocken läuten. "Das kann bereits den Start einer kriminellen Karriere anzeigen", warnt Lösel.

Diese Erkenntnisse sind das Fazit aus etlichen internationalen Studien der vergangenen 20 Jahre. Sie zeigen auch, dass hinter einer kriminellen Entwicklung immer ein Bündel von Faktoren steckt. "Viele dieser Kinder wachsen in Familien auf, in denen Gewalt und Misshandlungen an der Tagesordnung sind und in denen sie wenig soziale Unterstützung erfahren", sagt Gerd Lehmkuhl. Häufig kommt Stress hinzu, Alkoholismus der Eltern und eine launische Erziehung, die die Gefühle des Kindes vernachlässigt. Bei den Betroffenen entwickelt sich ein negatives Selbstbild und ein geringes Vermögen, Probleme zu lösen.

"Wenn die Eltern keine stabile emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen, haben die Kinder Probleme, in Kindergarten und Schule positive Kontakte zu knüpfen", sagt der Psychiater. Sie erleben Ablehnung und Frustration. Gewalt und Vernachlässigung wirken sich zudem negativ auf die Entwicklung des Gehirns aus. Mangelnde geistige und emotionale Fähigkeiten sind die Folge.

Die Experten gehen heute auch davon aus, dass eine Neigung zur Aggression teilweise vererbt sein kann. Damit sie sich bemerkbar macht, müssen allerdings nachteilige soziale Faktoren hinzukommen.

Wenn Menschen gewaltbereit sind, haben sich bei ihnen oft besondere Denkmuster entwickelt. Die Kinder interpretieren ihre Umwelt überwiegend als feindselig. Damit beginnen sie schon im Vorschulalter, weil ihre Eltern ebenfalls ständig aggressiv reagieren. In Konfliktsituationen, das zeigen Studien von Lösel und Anderen, schätzen aggressive Jugendliche ihre Kontrahenten aggressiver ein als es ein objektiver Beobachter tut.

Entsprechend übertrieben reagieren die Intensivtäter auf Nichtigkeiten wie harmlose Kritik - etwa die Bitte des Rentners, in der U-Bahn mit dem Rauchen aufzuhören. "Die können gar nicht richtig einordnen, was ein anderer Mensch sagt", weiß Lösel und betont: "Wir wollen dieses Verhalten keinesfalls entschuldigen, aber wir müssen versuchen zu verstehen, wieso diese Verbrechen passieren. Das kommt in der momentanen Diskussion viel zu kurz."

"Sie stumpfen ab"

Auch Medien spielen eine Rolle. "Aggressionsgeneigte Kinder haben einen erhöhten Konsum von Gewaltspielen und -filmen", sagt Lösel. Sie ahmen zwar nicht einfach nach, was sie sehen, entwickeln aber entsprechende Denkweisen. "Wenn sie sich häufig in einer von Gewalt beherrschten Welt bewegen, wird sie ihnen natürlicher. Sie stumpfen ab", warnt der Jugendpsychologe.

Manche der gewaltauslösenden Faktoren treten in Migrantenfamilien offenbar häufiger auf. Denn Kinder aus diesen Familien gehören tatsächlich etwas häufiger zu den Intensivtätern als der Nachwuchs deutscher Eltern.

Studien deuten darauf hin, dass etwa in türkischen Familien Gewalt stärker von einer Generation an die andere weitergegeben wird als in deutschen. Die höhere Akzeptanz von Gewalt leitet sich vermutlich aus autoritären Familienstrukturen ab, die manche aus der Türkei mitgebracht haben.

Außerdem ist es für viele Einwanderer schwierig, mit der ihnen fremden Kultur und ihren Ansprüchen umzugehen. Das gilt offenbar vor allem für die Frauen, die meist für die Erziehung zuständig sind. "Sie fühlen sich den Anforderungen der sozialen Umwelt ohnmächtig ausgesetzt und nehmen manche Situationen eher als bedrohlich wahr als Einheimische", sagt der Psychologe Haci-Halil Uslucan von der Universität Potsdam.

"Die Belastungen, die sich aus dem Fremdheitsgefühl und der Ausgrenzung speisen, führen vielfach zu Stress und Verunsicherung", so Uslucan.

Möglicherweise ist das eine Erklärung dafür, warum gerade wenig integrierte türkische Mütter häufiger auf körperliche Strafen zurückgreifen, wie Uslucan festgestellt hat. Die Integration dieser Frauen sollte deshalb besonders gefördert werden.

Noch dazu leiden Migrantenkinder überdurchschnittlich häufig unter ähnlichen Nachteilen wie deutsche Unterschicht-Kinder, zum Beispiel geringe Schulbildung und Sprachkompetenz. "Wer seine Motive und Befindlichkeiten nicht differenziert ausdrücken kann, um sein Ziel zu erreichen, hat ein Problem", sagt Friedrich Lösel.

Auch wenn Gewalt nicht grundsätzlich ein Ausländerproblem ist: Programme zur Vorbeugung von Jugendgewalt sollten auf Migrantenfamilien zugeschnitten werden, fordert Lösel.

Solche Programme gibt es. Und sie wirken. Lösels Team hat in den vergangenen Jahren die Entwicklung von Kindern in mehr als 600 Familien beobachtet, von denen jede zweite von Erziehern, Sozialarbeitern und Psychologen unterstützt wurde.

"Die Eltern wurden trainiert, den Kindern Grenzen zu setzen und ihre Probleme wahrzunehmen", sagt Lösel. Kindergartenkinder wurden darin gefördert, sich in andere einzufühlen, deren Motive zu verstehen und die eigenen Aggressionen zu kontrollieren.

"Das Erziehungsverhalten der Eltern in der Trainingsgruppe hat sich tatsächlich verbessert", fasst der Psychologe die Ergebnisse zusammen. "Den Eltern rutschte zum Beispiel seltener die Hand aus. Und die Kinder waren weniger aggressiv."

Programme vor dem Aus

Trotz der Erfolge stehen die Programme vor dem Aus. Ihnen fehlt das Geld. Statt Konzepte umzusetzen, beschäftigen sich Politiker offenbar lieber mit "vordergründigen Erklärungen und kurzfristigen Interventionen", monieren die Psychiater in ihrem Manifest.

Zudem erlischt das Interesse am Problem Jugendkriminalität meist schnell wieder, sobald eine aufsehenerregende Gewalttat wie die von München ein paar Wochen zurückliegt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.202276
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.6.2008
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.