Primatenforschung Mach mir den Affen, Mensch!

Die offensichtlichsten Gemeinsamkeiten gibt es im Verhalten von Menschenaffen und kleinen Kindern. Zwischen 14 Monaten und drei Jahren lieben es Kleinkinder, sich gegenseitig zu imitieren. Dabei testen auch sie - wie Dokana und Natascha - durch ungewöhnliches Benehmen, ob das Gegenüber sie tatsächlich kopiert. Sie machen eine lange Nase, strecken die Zunge heraus, schlagen Purzelbäume und andere Kapriolen, um zu testen, ob sie nachgeahmt werden.

Aufschlussreich ist, dass Affen, die nicht zu den Menschenaffen gehören, ein solches Testverhalten nicht zeigen. Bei Experimenten mit Makaken stellte sich heraus, dass sie lediglich aufmerken. Wahrscheinlich haben diese Affen nur eine vage Vorstellung von Ich und Du, und es fehlt ihnen die Einsicht, andere beeinflussen zu können.

Da hier eine klare Grenzlinie zwischen Menschenaffen und anderen Affen erkennbar ist, folgert Haun: Schon der gemeinsame Vorfahr von Mensch und Menschenaffe vor rund 15 Millionen Jahren dürfte erkannt haben, dass er auf sein Gegenüber einwirken kann. "Ein grundlegender kognitiver Schritt, ohne den eine wechselseitige Kommunikation kaum möglich ist", sagt der Forscher.

Die Kluft zwischen Makaken und großen Menschenaffen findet auch Frans de Waal aufschlussreich. Der weltweit anerkannte Primatologe vom Yerkes Primate Center in Atlanta nennt Daniel Hauns Befund "interessant": "Er zeigt, wie weit unsere nächsten Verwandten bezüglich ihres Bewusstseins den Tieraffen voraus sind."

Das Experiment in Leipzig verlange den Affen mehr ab als bisherige Versuche mit Spiegeln. Auch vor dem Spiegel zeigen Menschenaffen ein Testverhalten. Sie gehen beispielsweise in verschiedene Richtungen, um zu prüfen, ob das Spiegelbild das gleiche tut. Irgendwann beginnen sie, abwechselnd ihren eigenen Körper und das Spiegelbild zu inspizieren - das heißt, sie begreifen, dass sie sich selbst gegenüberstehen.

Bei Daniel Hauns Versuch dagegen müssen die Affen eine Imitation erkennen, die nicht nur unpräziser ist als ihr eigenes Spiegelbild, sondern auch von einem Vertreter einer anderen Spezies ausgeht. Dass die Menschenaffen den Test bestanden haben, zeigt laut de Waal, dass unsere nähesten Verwandten "ein sehr klares Bild von sich selbst und von anderen als unabhängige Wesen haben".

Dieses klare Bewusstsein vom Selbst und vom Anderen schöpfen die Tiere allerdings weniger aus als der Mensch. Begeistert geben sich menschliche Kleinkinder fast zwei Jahre lang ihren Imitations-Spielen hin. Dabei verfeinern sie die Fähigkeiten zur gegenseitigen Kommunikation - eine exzellente Vorbereitung für das Sprachenlernen.

Junge Affen dagegen machen in ihrer Entwicklung keine Imitations-Phase durch, obwohl sie die kognitiven Anlagen dazu hätten, wie Hauns Experiment beweist. Ein Grund dafür könnte sein, dass Menschen stärker als Menschenaffen über das Erkennen von Imitation ein Bindungsgefühl aufbauen. Wir finden andere eben besonders sympathisch, wenn sie so sind wie wir.

Das zeigt sich schon bei Kleinkindern, wie der amerikanische Psychologe Andrew Meltzoff nachgewiesen hat. In seinen Tests saß ein Kleinkind zwei Erwachsenen gegenüber. Einer der beiden imitierte jede Handlung des Kindes. Der andere bewegte sich zwar, imitierte das Kind aber nicht. Binnen kurzer Zeit verloren die Knirpse ihr Herz an den Imitator. Sie lächelten ihn deutlich häufiger an als den Nicht-Nachahmer.

Bei Erwachsenen ist diese kindliche Freude am Imitiert-Werden keineswegs verschwunden, sie ist nur weitgehend ins Unterbewusste verlagert. Der niederländische Verhaltenspsychologe Rick van Baaren aus Nijmegen hat nachgewiesen, dass auch Erwachsene positiv auf Menschen reagieren, die ihre Gesten, Körperhaltungen oder sprachlichen Äußerungen nachahmen - allerdings nur, solange sie die Imitation nicht bewusst bemerken.

Die unterschwellige Sehnsucht nach dem Alter Ego ist offenbar fester Bestandteil des Alltags. In einem holländischen Restaurant hat van Baaren festgestellt, dass Kellnerinnen, die jede Bestellung nicht nur zu notierten, sondern Wort für Wort wiederholten bis zu 69 Prozent mehr Trinkgeld bekommen.

Auf solche Zuwendungen von seinen Probanden konnte Daniel Haun nicht hoffen. Doch auch sein Nachäffen blieb nicht ohne Lohn: "Die Nähe, die zwischen mir und den Affen entstand, war faszinierend."