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Primatenforschung:Mach mir den Affen, Mensch!

Ein Leipziger Wissenschaftler äfft Affen nach - und erfährt dabei nicht nur viel über die Tiere, sondern auch über den Homo Sapiens.

Es ist ein kalter Tag, an dem sich Daniel Haun im Leipziger Zoo vor die Orang-Utans stellt. Der Psychologe und Primatologe hat dennoch kurze Hosen an und ein weites T-Shirt. Alles andere würde seine Bewegungen nur stören, und auf die kommt es heute an. Wer einen Affen nachäffen will, muss beweglich sein.

Nur Menschenaffen sind zu immitierendem Verhalten fähig.

(Foto: Foto: AP)

Hinter einer Glasscheibe nähert sich das Forschungsobjekt, die 30 Jahre alte Affendame Dokana. Sie zeigt schnell Interesse und setzt sich gegenüber von Haun auf den Boden. Das gleiche tut der Forscher. Als Dokana beide Hände gegen die Glasscheibe presst, macht ihr menschliches Gegenüber auch das nach. Ebenso wie das Schütteln einer erhobenen Hand und alle weiteren Bewegungen. Daniel Haun pervertiert den Begriff vom Nachäffen: Er macht den Affen nach.

Dahinter steckt eine spannende Frage, die Haun und seine Kollegen am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie umtreibt: Erkennen Affen, dass ihre Bewegungen imitiert werden? Noch weiter gefragt: Können sich Affen so weit in andere hineinversetzen, dass sie dessen Absichten begreifen?

"Heureka-Moment"

Dokana mustert Haun eindringlich. Dann schüttelt sie beide Hände, wieder und wieder. Als der Wissenschaftler auch das kopiert, lässt Dokana ihn keine Sekunde mehr aus den Augen, verfolgt genau jede seiner Bewegungen. Schließlich streckt sie ihre langen Arme hoch, legt die Hände über dem Kopf aneinander und verharrt in dieser Stellung.

Während auch Haun seine Arme emporreckt, jubelt er innerlich. "Das war ein Heureka-Moment", erinnert sich der 30-jährige Wissenschaftler, "eine solche Ballerina-Pose gehört definitiv nicht zum klassischen Repertoire eines Orang-Utans." Dokana testete ihr Gegenüber. Mit untypischem Gebaren prüfte sie, ob der entfernte Verwandte sie tatsächlich nachahmte oder nur zufällig ähnliche Bewegungen vollführte.

In einer langen Versuchs-Serie, die Daniel Haun kürzlich im Fachmagazin Current Biology veröffentlichte, imitierte der Wissenschaftler nicht nur Dokana, sondern auch zwei weitere Orang-Utans, zwei Gorillas, zwei Bonobos und vier Schimpansen. Alle großen Menschenaffen erkannten, dass sie imitiert wurden und prüften das auch.

Die Schimpansin Natascha forderte den Forscher besonders heraus und zeigte gleichzeitig eindrücklich, wie bewusst sie seine Imitation registrierte: Sie drehte sich immer wieder um die eigene Achse. "Mir wurde beim Nachahmen schwindelig", berichtet Haun, "und ich drehte mich viel langsamer als Natascha, weil ich es nicht so geschickt konnte wie sie. Aber sie hat die ganze Zeit Blickkontakt zu mir gehalten und sogar abgewartet, bis ich mit einer Drehung fertig war. Dann erst setzte sie zur nächsten Bewegung an."

"Um ein solches Verhalten zu zeigen, müssen die Affen sich selbst erkennen können und den anderen getrennt wahrnehmen. Außerdem müssen sie begreifen, dass sie ihr Gegenüber beeinflussen können." Selbsterkenntnis, Fremderkenntnis und das Bewusstsein, auf andere einwirken zu können: Das sind elementare Grundlagen für eine komplexe soziale Interaktion, sagt Haun. "Auch wir Menschen ahmen einander ständig bewusst oder unbewusst nach."

Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede gibt es in diesem Punkt zwischen Mensch und Menschenaffe? Und was verrät das über uns Menschen, unsere Evolution und unsere sozialen Beziehungen?