Porträt Mut, etwas zu machen

Stefan H. E. Kaufmann ist einer der beiden wissenschaftlichen Leiter der diesjährigen Tagung in Lindau.

(Foto: MPI)

Stefan H. E. Kaufmann hat mit Klas Kärre die wissenschaftliche Leitung der Tagung in Lindau. Der Biologe engagiert sich schon lange für die Gesundheit der Armen. Und er ermuntert jeden dazu, sich für große Ziele einzusetzen.

Von Andrea Hoferichter

Mit Wissenschaft im Elfenbeinturm hat Stefan H. E. Kaufmann nichts am Hut. Der Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin sucht den Austausch. Er hält Vorträge an Universitäten, gerne auch mal in knallroten Sneakern und Poloshirt unterm dunkel gestreiften Anzug, berät Stiftungen, Verbände und Staatschefs in der ganzen Welt. Auch um ein Interview muss man ihn nicht lange bitten. Nur acht Minuten nach der Anfrage per Email sagt er zu. Das Gespräch findet zwei Stunden später statt. "Manchmal passt es gleich eben besser als später", sagt Kaufmann. Seit fünf Jahren ist der 70-Jährige Mitglied des Kuratoriums und in diesem Jahr zum zweiten Mal als wissenschaftlicher Leiter im Einsatz. Gemeinsam mit Klas Kärre, Professor am Karolinska-Institut und Mitglied des Nobelkomitees für Physiologie oder Medizin, wählte er die Teilnehmer aus und feilte am Programm. "Es wird spannend, denn es ist ein Jahr der Experimente", verrät der Infektionsbiologe. "Wir wollen mehr Bottom-up-Charakter und dafür sorgen, dass die jungen Forscher und Laureaten leichter in Kontakt kommen", erzählt Kaufmann. Deshalb stehen unter anderem moderierte Vorträge, Restaurantbesuche, Wanderungen und Stadttouren, jeweils in kleineren Gruppen, und erneut die "Master Classes" auf dem Programm, in denen die Jungwissenschaftler mit Laureaten an ihren Vorträgen feilen.

Die Qual der Teilnehmerwahl hatte Kaufman schon zur Weihnachtszeit. "Natürlich werden wie immer die Nobelpreisträger aus den entsprechenden Disziplinen eingeladen und zusätzlich noch der oder die eine oder andere zu einem allgemein interessanten Thema", erzählt er. Doch dann gelte es, aus den vielen Tausend Bewerbungen junger Wissenschaftler 600 auszuwählen. "Das ist eine wirklich schwierige und zeitraubende Aufgabe. Wir könnten ohne Probleme noch viel mehr junge Talente einladen." Die wichtigsten Kriterien: Möglichst jung und möglichst exzellent sollen die Teilnehmer sein. Auch achten Kärre und Kaufmann auf regionale Ausgewogenheit. Die Geschlechtergerechtigkeit dagegen ist schon seit Jahren kein Thema mehr. "Das geht immer ausgeglichen aus, ohne dass wir extra darauf achten müssen", sagt Kaufmann.

Dass sich der Biologe um schlaue Köpfe in aller Welt bemüht, hat auch viel mit seinem eigenen Forschungsgebiet zu tun. "Nur mit Gehirnleistung können wir es schaffen, tödliche Infektionskrankheiten zu besiegen", betont er. Schließlich sind Keime gewiefte Gegner, die innerhalb kürzester Zeit Strategie und Gestalt ändern können. Das Kräftemessen zwischen Mensch und Mikrobe faszinierte den Forscher schon während des Studiums, viel mehr als die klassischen Themen Flora und Fauna.

Trotz aller medizinischen Fortschritte sterben jedes Jahr noch immer Millionen Menschen an Aids, Tuberkulose oder anderen Infektionskrankheiten, vor allem in armen Ländern. Die Entwicklung billiger Diagnosemethoden, Medikamente oder Impfstoffe rechnet sich für die Pharmaindustrie schlicht nicht. Die Zahl resistenter Keime, gegen die nur wenige oder gar keine Antibiotika mehr helfen, steigt. "Das Problem wird dramatisch unterschätzt", mahnt Kaufmann. Das sei nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch kurzsichtig. Schließlich machten Keime nicht an Landesgrenzen halt. Immer wieder fordert der Wissenschaftler die Politik deshalb zum Handeln auf. Schon in jungen Jahren hat er sich in der Weltgesundheitsorganisation WHO für die Gesundheit der Armen engagiert. "Ich hatte schon immer einen sozialen Touch", sagt er. Auch deshalb hat er einen selbst in armen Ländern durchaus erschwinglichen Tuberkuloseimpfstoff entwickelt, der gerade in Indien und ab dem Spätsommer auch in Afrika getestet wird. "Ich habe die Entwicklung 25 Jahre lang, praktisch vom Reißbrett bis jetzt, in die letzte klinische Testphase begleitet", berichtet der Biologe. Er sei zäh, ein Langstreckenläufer.

Ungeduldig wird er nur, wenn etwa in Besprechungen das Ziel aus den Augen gerät. Effizienz ist ihm wichtig, inhaltlich und strukturell. Und er will anderen Mut machen, sich ebenfalls für große Ziele einzusetzen, selbst wenn es schwierig erscheint. Zu diesem Zweck zitiert er gerne den Dalai Lama: "Falls du glaubst, du bist zu klein, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist."