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Porträt:Leuchtendes Beispiel

Die Kanadierin Donna Strickland hat vergangenes Jahr für ihre Arbeit mit Lasern den Nobelpreis in Physik erhalten. Sie ist erst die dritte Frau mit dieser Auszeichnung. Viele andere Kandidatinnen wurden im Laufe der Zeit übergangen.

Was ist so lustig daran, mit Lasern zu arbeiten? Das wollte eine Reporterin von Donna Strickland beim Festbankett in Stockholm wissen. Strickland hatte gerade gemeinsam mit Gérard Mourou und Arthur Ashkin den Nobelpreis für "bahnbrechende Erfindungen im Bereich der Laserphysik" bekommen. Im Interview greift die Physikerin einen Laserpointer und lässt den Strahl über den Boden gleiten. Ein Katzenspielzeug sei das, sagt Strickland, denn wenn man damit herumspiele, würden Katzen verrückt werden, weil sie versuchten, den Strahl zu fangen. Ihre Laser im Labor seien natürlich viel stärker, sie könnten in einem Glas Wasser aus einer Farbe einen Regenbogen erzeugen, das sei faszinierend anzuschauen. Als "fun", Spaß, Freude und Vergnügen bezeichnet Donna Strickland ihre Arbeit immer wieder. "Nicht jeder findet, Physik macht Spaß", sagte sie in ihrer Preisrede, "aber ich schon."

Spaß nach der Arbeit? Nein. Die Forscherin will Spaß bei der Arbeit haben

Als sie gemeinsam mit ihrem Doktorvater Gérard Mourou an dem Projekt forschte, für das die beiden jetzt den Nobelpreis bekamen, war gerade der Hit von Cyndi Lauper in: "Girls just want to have fun". Im Song hätten die Mädchen bis nach der Arbeit gewartet, erzählte Strickland, "aber ich wollte Spaß haben, während ich arbeite". Hört man die Forscherin reden, springt ein Funke über von ihrer Faszination für ihr Fach. Experimentelle Physik mache besonders Spaß, weil man nicht nur Rätsel aus dem Universum oder auf der Erde löse, es gebe auch "richtig coole Spielzeuge" im Labor, wie eben Laser, mit denen man Regenbogenfarben machen kann.

Donna Strickland wurde im Mai 1959 im kanadischen Guelph, etwa 100 Kilometer von Toronto, geboren. Ab 1977 studierte sie Physikingenieurwesen an der McMaster-Universität in Hamilton, weil es dort einen Schwerpunkt für Laser und Elektrooptik gab. Aber warum ausgerechnet dieses Fach? Das werde sie öfter gefragt, sagt die Physikerin in Interviews, eine große Rolle spiele sicherlich ihre Erziehung. Als sie fünf Jahre alt war, habe sie ihr Vater - ein Ingenieur - zu einem Wissenschaftszentrum mitgenommen und gesagt, Laser seien die Zukunft - obwohl sie zugab, sich nicht an die Situation erinnern zu können. Auch ihre Mutter, eine Lehrerin, habe sie beeinflusst, und von inspirierenden Chemie- und Physiklehrern ist die Rede. Als die junge Strickland von dem Laser- und Optik-Schwerpunkt an der McMaster-Uni erfuhr, habe sie gedacht: "Das hört sich nett an, das mache ich."

Illustration: Christian Tönsmann

1981 bekam sie ihren Bachelor in Physik und promovierte danach an der Universität Rochester. Für Nicht-Physiker ist nicht einfach zu verstehen, worüber Strickland forscht. Sehr vereinfacht gesagt hat sie gemeinsam mit Mourou eine Technik entwickelt, mit der man Laserlicht in kleinen Portionen in sehr kurzen Abständen mit sehr hoher Intensität aussenden kann. Chirped Pulse Amplification heißt die Technik, 1985 veröffentlichte die damals erst 26-Jährige ihre erste Arbeit. Mourou und Strickland haben die Grundlagen gelegt für Lasertechniken, die heute vielfach angewendet werden - etwa bei Augenoperationen, zur Herstellung kleiner Glasteile in Mobiltelefonen oder für Drahtnetze zur Stabilisierung von Blutgefäßen im Herz.

Dann ging ihre Karriere steil nach oben: Von 1988 bis 1991 forschte Strickland für den National Research Council in Kanada, arbeitete danach ein Jahr in der Laserabteilung des Lawrence Livermore National Laboratory und ab 1992 an der Princeton Universität. Von 1997 an arbeitete sie an der Universität Waterloo und ist heute dort Professorin.

Als Nobelpreisträgerin ist Strickland eine Ausnahmeerscheinung. An 209 Forschende hat die Schwedische Akademie bisher den Nobelpreis für Physik verliehen, darunter jedoch nur an drei Frauen: Marie Curie erhielt ihn 1903 für ihre Entdeckungen über radioaktive Strahlung, Maria Goeppert-Mayer 1963 wurde für ihre Forschung zum Aufbau von Atomkernen ausgezeichnet. Und nun 2018 Donna Strickland.

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Prozent der jungen Teilnehmer in Lindau sind weiblich, eine gute Quote für Physik. Donna Strickland kann die Frage nach der Vereinbarkeit von Forschung und Familie übrigens nicht mehr hören. Ja, sagte sie am Dienstag, das werde sie immer gefragt. Und das war auch die Antwort.

Der Physiker und Wissenschaftsjournalist Matthew Francis schreibt in seinem Blog, der Preis bevorzuge Männer europäischen Ursprungs, und es herrsche immer noch die Vorstellung, Wissenschaft würde vom "einsamen, weißen, männlichen Genie" gemacht mit einer ihn "anbetenden Assistentin" an seiner Seite.

Die Liste der Frauen, die den Physikpreis verdient hätten, ist lang

Dabei hat es an exzellenten Physikerinnen nicht gemangelt. Zum Beispiel Lise Meitner, die manche als wichtigste Wissenschaftlerin des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Sie erklärte, wie die Kernspaltung funktioniert, die ihrem Kollegen Otto Hahn gelungen war. 48 Mal wurde Meitner für den Nobelpreis in Physik oder Chemie nominiert, aber nur Hahn bekam ihn 1944 für Chemie. Oder Chien-Shiung Wu, die "First Lady der Physik", die am Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe mitarbeitete. Sie bewies, vereinfacht gesagt, dass ein Prozess, der im Spiegel beobachtet wird, sich von dem Prozess unterscheidet, der in einem spiegelverkehrten, aber sonst identisch aufgebauten Experiment abläuft. Sie belegte damit die Hypothese von Tsung-Dao Lee und Chen Ning Yang - aber nur die bekamen 1957 den Nobelpreis für Physik, Wu wurde sieben Mal vergeblich nominiert.

Auch Jocelyn Bell Burnell wurde vom Nobelpreiskomitee übersehen. Die Radioastronomin entdeckte 1967 gemeinsam mit Antony Hewish ein astronomisches Objekt, einen schnell rotierenden Neutronenstern. 1974 bekamen Hewish und sein Kollege Martin Ryle den Nobelpreis - Bell Burnell ging leer aus. Berühmte Astronomen sollen die Entscheidung heftig kritisiert und dem Komitee Sexismus vorgeworfen haben. Die Liste der Frauen, die eigentlich einen Nobelpreis verdient hätten, ließe sich noch verlängern.

Nobelpreisträgerin Donna Strickland.

(Foto: Bengt Nyman/CC BY 2.0)

Nachdem Donna Strickland den Preis bekommen hatte, gab es diverse Geschichten über sie als Frau in der Physik. Strickland soll der Fokus auf das Geschlecht überrascht haben. Man berücksichtige das zwar bei der Einstellungspraxis und sie sei sich des Themas bewusst, sagte sie der britischen Zeitung Guardian. "Ich sehe mich aber nicht als Frau in der Wissenschaft. Ich sehe mich als Wissenschaftler. Ich hätte nicht gedacht, dass das die große Geschichte sein würde. Ich dachte, die große Geschichte wäre die Wissenschaft."