Nordwestpassage durch das Polarmeer:Eis-Blockade in der Arktis

MS BREMEN VON HAPAG-LLOYD KREUZFAHRTEN IN DER NORDWEST-PASSAGE

Eines der wenigen Schiffe, die die Nordwestpassage je durchkreuzten: die MS Bremen.

(Foto: OBS)
  • Da die Eisflächen um den Nordpol drastisch schmelzen, richten sich seit Jahren Hoffnungen auf die Nordwestpassage als neue Seeroute.
  • Eine neue Studie kanadischer Forscher zeigt jetzt aber, dass das Eis noch viel dicker ist, als angenommen.
  • Trotzdem nimmt die Schifffahrt nördlich des amerikanischen Kontinents zu.

Von Christopher Schrader

Wer mit einem Archipel Palmenstrände verbindet, den kann der kanadische Archipel nur enttäuschen. Richtung Arktis franst der nordamerikanische Kontinent hier zu einer Gruppe öder Inseln auf, die von Eis umgeben und von einem unübersichtlichen Geflecht kalter Wasserstraßen durchzogen ist. Auf diese Weltgegend richten sich seit Jahrhunderten die Hoffnungen, einen kürzeren Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik zu finden, die sogenannte Nordwestpassage.

In jüngster Zeit sind daraus fast schon feste Erwartungen geworden, schließlich geht das Eis um den Nordpol drastisch zurück. Doch von dieser Folge des Klimawandels wird der Welthandel vermutlich nicht so bald profitieren: Zwischen den Inseln könnte sich dickes Eis noch Jahrzehnte halten, schreiben zwei kanadische Forscher.

Christian Haas von der York University in Toronto und Stephen Howell vom kanadischen Umweltministerium haben das Eis zwischen den Inseln bei Testflügen im Mai 2011 und April 2015 erkundet. Solche Dickenmessungen gab es bisher kaum, Satelliten können von weit oben lediglich die Ausdehnung erfassen.

Am häufigsten sind Werte zwischen 1,6 und zwei Metern

Zunächst flogen die Forscher per Hubschrauber über Barrow Strait, Viscount Melville Sound und Byam-Martin Channel (BMC), vier Jahre später in einer alten DC3 auch über Peel Sound, Victoria Strait, Queen Mary Gulf und M'Clintock Channel (MCC). Stets zog das Fluggerät einen Messfühler hinter sich her, der etwa 20 Meter über dem Eis schwebte. Er registrierte einerseits über elektromagnetische Wellen die genaue Distanz zur Wasseroberfläche, andererseits per Laser den Abstand zum Eis. Die Differenz lieferte dann die Eisdicke (Geophysical Research Letters, online).

Am häufigsten meldete das Messgerät Werte zwischen 1,6 und zwei Metern. Das ist immerhin 20 bis 40 Zentimeter weniger als Eisbohrungen in den 1970er-Jahren ergeben hatten, und das obwohl Haas und Howell nicht sicher zwischen Eis und der darauf liegenden dünnen Schneeschicht unterscheiden konnten. Sie führen diesen Rückgang auf die Erwärmung der Arktis zurück. Das hilft aber der Schifffahrt wenig, denn an vielen Stellen hat sich Eis in mehreren Schichten regelrecht verkeilt. So hatte im BMC das stärkste Viertel des Eises eine mittlere Dicke von 6,48 Metern, im MCC waren es 4,77 Meter. Immer wieder stießen die Forscher auf Stellen, wo das Eis für mindestens 100 Meter entlang des Wasserweges vier Meter oder mehr dick war.

Durch die Inselwelt Kanadas sind erst wenige Schiffe gefahren

"Wir waren überrascht, so dickes Eis im späten Winter zu finden, obwohl es in der Gegend im Spätsommer immer mehr freies Wasser gibt", sagt Haas. Eine wichtige Rolle dabei spielt offenbar Eis, das vom offenen Polarmeer nach Süden in das Archipel driftet. Wenn es eine Schmelzsaison übersteht und sich am Ufer eines Sundes oder Kanals verhakt, kann daraus ein ernsthaftes Risiko für die Schifffahrt werden.

Tatsächlich haben es bisher erst einzelnen Schiffe durch die Nordwestpassage geschafft. 1848 war hier die Expedition des britischen Entdeckers John Franklin einfach verschwunden. Der erste Kapitän, der die Strecke bewältigte, war Roald Amundsen; er fuhr von 1903 bis 1906 durch die Inselgruppe. Seither haben nur wenige größere, kommerziell betriebene Schiffe die Strecke gemeistert. 2006 gelang dies dem Kreuzfahrtschiff MS Bremen, 2013 brachte die MC Nordic Orion eine Ladung Kohle, die zu groß für den Panamakanal gewesen wäre, von Kanada nach Finnland. Im Gegensatz dazu nutzen inzwischen jedes Jahr Dutzende Schiffe die Nordost-Passage vor der sibirischen Nordküste. Dieser Seeweg ist seit 2008 immer wieder frei gewesen.

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