Umwelt:"Viele Kleidungsstücke sind mit Kunststoff versetzt"

Plastik-Recycling in Bangladesch

Plastik-Recycling in Bangladesch

(Foto: Nayem Shaan/dpa)

Die Folgen der Vermüllung mit Kunststoff könnten gravierend sein, warnen Wissenschaftler wie Annika Jahnke. Gemeinsam mit Kollegen macht sie sehr konkrete Vorschläge zum Weg aus der Plastikkrise.

Interview von Tina Baier

Eindringlich warnen mehrere internationale Wissenschaftler im aktuellen Fachmagazin Science vor den Folgen der Plastikvermüllung. Annika Jahnke, Umweltchemikerin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig, ist eine von ihnen. Im Gespräch mit der SZ zeichnet sie Wege aus der Plastikkrise auf.

SZ: In Ihrem Beitrag zum Science-Schwerpunkt schreiben Sie und andere Wissenschaftler, dass die Menge an Plastikmüll drastisch ansteigt. Dabei wird doch in vielen Ländern zumindest gefühlt schon viel getan, um genau das zu vermeiden. In Deutschland etwa gibt es viel weniger Plastiktüten, Strohhalme aus Plastik sind tabu, und viele Menschen sammeln ihren Plastikmüll, damit er recycelt werden kann. Bringt das alles gar nichts?

Annika Jahnke: Doch, natürlich bringen diese Maßnahmen etwas. Aber es gibt immer noch viel zu viel Plastik, das nicht in den Abfallsystemen landet, und dann zum Beispiel in Flüsse und Meere gelangt. Und es gibt immer noch viel zu viele Produkte, die Plastik enthalten oder unnötig in Plastik verpackt sind.

Weiß man, wie viel Plastik jedes Jahr in die Umwelt gelangt?

Es gibt Modelle, die das abschätzen können. Wir zitieren in unserem Übersichtsartikel Zahlen aus verschiedenen Studien, die auch in Science veröffentlicht worden sind. Demnach gelangten im Jahr 2016 zwischen neun und 23 Millionen Tonnen in die aquatische Umwelt. Zusätzlich wurden Landökosysteme noch einmal mit ungefähr derselben Menge belastet. Auf Grundlage solcher Zahlen kann man dann verschiedene Szenarien für die Zukunft durchrechnen. Dabei ist herausgekommen, dass selbst bei drastischen und weltweit konzertierten Maßnahmen zur Vermeidung von Plastikmüll immer noch ein Anstieg der Emissionen zu erwarten ist.

Was wäre eine solche drastische Maßnahme?

Zum Beispiel sollte Plastikmüll nicht mehr in Regionen exportiert werden, in denen die Recycling-Technologien weniger fortgeschritten sind als bei uns. Das wird leider immer noch gemacht und ist sehr problematisch. Zudem wäre es wichtig, bei der Vermeidung von Plastik nicht nur am Ende anzusetzen und etwa Plastik, das schon in der Umwelt ist, wieder einzusammeln, sondern am Anfang. Damit gar nicht so viel Plastik entsteht. Eine Möglichkeit, das politisch zu steuern, wäre, dafür zu sorgen, dass recyceltes Plastik günstiger ist als neues Plastik. Während der Corona-Krise war es zeitweise so, dass neues Plastik fünfmal billiger war als recyceltes, weil der Rohölpreis so stark gefallen ist. Das ist natürlich überhaupt kein Anreiz, stärker auf Recycling zu setzen.

Verschärfen eigentlich die Gesichtsmasken, die jetzt alle tragen, um sich gegen das Coronavirus zu schützen, das Plastikproblem? Man sieht sie jetzt überall achtlos weggeworfen herumliegen.

Das ist eine Frage, die gerade erforscht wird. Natürlich enthalten die Masken Plastik, aber momentan ist noch unklar, wie relevant das ist.

Was sind denn die Hauptquellen von Plastik?

In der Verpackungsindustrie werden weltweit riesige Mengen eingesetzt. Der Bausektor ist ebenfalls ein wichtiger Faktor, genauso wie Textilien: Viele Kleidungsstücke sind mit Kunststoff versetzt, der dann nach und nach in die Umwelt gelangt, zum Beispiel beim Waschen. Das Abwasser gelangt zwar erst mal in die Kläranlagen. Dort werden die meisten Partikel entfernt, aber eben nicht alle.

Dr. Annika Jahnke

Die Umweltchemikerin Annika Jahnke ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Ökologische Chemie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Als Professorin an der RWTH Aachen beschäftigt sie sich mit der Chemikalienbelastung, der Organismen über ihre gesamte Lebenszeit hinweg ausgesetzt sind.

(Foto: Sebastian Wiedling/UFZ; Sebastian Wiedling / UFZ/Sebastian Wiedling)

Gibt es eigentlich noch einen Ort auf der Welt, der plastikfrei ist?

Da muss man wirklich suchen. Es ist ein Riesenproblem, dass das Material in Gebieten landet, aus denen es nicht mehr zu entfernen ist. Zum Beispiel, weil diese Regionen schwer zugänglich sind: die Tiefsee zum Beispiel. Sogar in arktische Regionen gelangt erschreckend viel Plastik.

Wo auf der Erde sammelt sich das meiste Plastik an?

In den Ozeanen gibt es fünf Müllstrudel, in denen sich das Material anreichert: im Nord- und Südpazifik; im Nord- und Südatlantik und im Indischen Ozean. Dass sich das Plastik dort anreichert, liegt an den globalen Ozeanströmungen und an den vorherrschenden Windrichtungen. An Land sind landwirtschaftlich genutzte Böden teilweise stark belastet, weil das Material in Düngern oder in Klärschlamm enthalten ist. In manchen Regionen verwenden die Landwirte auch riesige Plastikfolien, um die Pflanzen abzudecken.

Warum schadet Plastik der Umwelt eigentlich?

Die Forschung hat sich in den letzten Jahren vor allem auf ökotoxikologische Untersuchungen fokussiert. Dabei wurden Experimente im Labor gemacht, die nur wenig mit den Bedingungen in der Umwelt zu tun hatten. In diesen Studien kam heraus, dass nur extrem hohe Konzentrationen von Plastik Schaden anrichten, die in der Umwelt gar nicht vorkommen. Die Schlussfolgerung war, dass Plastik unproblematisch ist.

Sie und die anderen Autoren in Science sehen das aber anders ...

Genau! Wir denken, dass es nicht nur auf die ökotoxikologischen Effekte ankommt, sondern dass viele andere Aspekte eine große Rolle spielen.

Welche?

Meeressäuger, Schildkröten und Seevögel fressen das Plastik und verenden, weil sie es nicht wieder ausscheiden können. Außerdem verfangen sich viele Tiere, darunter auch vom Aussterben bedrohte Spezies, in Fischernetzen aus Plastik und sterben. Das kann zum Biodiversitätsverlust beitragen. Wir vermuten aber auch, dass der Plastikmüll den Klimawandel verschärfen kann, weil er den globalen Kohlenstoffkreislauf stört.

Inwiefern?

Die Plastikpartikel im Meer trüben unter anderem das Wasser und schirmen dadurch das Phytoplankton und Blaualgen vom Sonnenlicht ab. Das führt dazu, dass diese Organismen in ihrem Wachstum eingeschränkt werden und weniger Kohlendioxid aus der Atmosphäre binden.

Gibt es eine realistische Chance, den ganzen Plastikmüll wieder aus der Umwelt zu entfernen?

Kurz gesagt: Nein. Es gibt sehr viele Regionen auf der Welt, die schlicht nicht zugänglich sind für eine Reinigung. Selbst dann nicht, wenn die Plastikteile groß sind. Und je kleiner die Teilchen sind, desto schwieriger wird es, sie wieder aus der Umwelt zu entfernen. Das Problem wird dadurch verschärft, dass Plastik auf natürlichem Weg extrem langsam abgebaut wird. Ein Fischernetz beispielsweise hat eine geschätzte Verweildauer von mehreren Jahrhunderten. Daher ist es auch so wichtig, dass deutlich weniger Plastik in die Umwelt gelangt und mehr recycelt wird.

© SZ
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