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Plastik:Kunst mit Verfallsdatum

Chemiker versuchen, Kulturgüter aus Plastik zu retten. Helfen sollen dabei die Ausdünstungen der Skulpturen, die im Zerfall begriffen sind.

Es roch lediglich ein bisschen nach Essig, doch der Zerfall war schon in vollem Gang. Die beiden durchsichtigen Kunststofftrichter der Skulptur "In Space - Two Cones" von Naum Gabo, ausgestellt im Philadelphia Museum of Art, verfärbten sich wie billige Frühstückboxen im Geschirrspüler. Das Kunstwerk wurde braun und brüchig. Damals, in den 1960ern, soll der Künstler den Kuratoren die Schuld in die Schuhe geschoben haben, wegen unsachgemäßer Handhabung. Heute ist bekannt, dass viele Kunststoffe zwar lange genug halten, um in der Umwelt zum Problem zu werden, aber für die Ewigkeit taugen sie nicht.

Die Gabo-Skulptur war aus Zelluloseazetat, einer der ersten Kunststoffe überhaupt und ähnlich anfällig wie das chemisch verwandte Zelluloid. "Es ist aber nur eines von vielen Beispielen für den Plastikzerfall in Museen", sagt Katherine Curran vom University College in London. Auch andere Kunststoffe, darunter Polyurethan (PUR), Polyvinylchlorid (PVC) und Polyethylen, bereiteten den Kuratoren Probleme. Die unterschiedlichsten Kulturgüter seien betroffen, von den ersten Plastikzahnbürsten der Welt über Designerstühle, Film- und Fotomaterial bis zu mannshohen Skulpturen. Curran arbeitet an einer Methode, mit der sich das Stadium des Zerfalls einschätzen lässt, ohne das Kunstwerk zu beschädigen. Das berichtete ihr Team kürzlich im Fachblatt Angewandte Chemie.

Mit modernen Sensoren werden die Ausdünstungen der Skulpturen gemessen

"Wir analysieren die Ausdünstungen, also quasi den Geruch der Objekte, denn jeder Kunststoff hat einen eigenen Fingerabdruck aus flüchtigen Abbauprodukten", erklärt die Forscherin. Diese Gasanalysen sollen helfen, besonders bedrohte Stücke ausfindig zu machen und geeignete Lagerbedingungen zu entwickeln. Für die Messungen kommt eine beschichtete Glasfaser zum Einsatz, die Substanzen aus der Luft aufsaugt wie ein Schwamm das Wasser. Die Stoffe werden anschließend mit moderner Labortechnik analysiert.

Die Londoner Forscher schnüffelten so an mehr als 200 Kunststoffproben, ließen einen Teil davon bei 80 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 65 Prozent künstlich altern. Nach zwei, vier, sechs, acht und zehn Wochen ermittelten sie die Abbauprodukte für jeden Plastiktyp. Außerdem untersuchten sie die Ausdünstungen von drei fast hundert Jahre alten Exponaten des Tate Museums. Die Skulptur "Head" von Antoine Pevsner sei besonders schützenswert und der Zerfall am weitesten fortgeschritten, heißt es in der Studie.

Ursachen für die Zerstörung sind in der Regel Licht, Sauerstoff und Luftschadstoffe. Zudem entweichen mit der Zeit Weichmacher und Stabilisatoren. Um den Abbau zu verlangsamen, werden manche Objekte gekühlt und kritische Zerfallsprodukte zum Beispiel mit Aktivkohle abgefangen. Essigsäure aus Zelluloseazetat bildet sonst mit Wasser aus der Luft eine Säure, die sich auf dem Kunstwerk niederschlägt und den Verfall beschleunigt.

Friederike Waentig, die an der Technischen Hochschule Köln Konservierung und Restaurierung lehrt, findet Currans Ansatz "äußerst interessant". Allerdings sei die Arbeit noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie in größerem Rahmen angewendet werden könne. Und das Messverfahren taugt nicht für alle Kunststoffe. Messungen an PVC und PE lieferten der Studie zufolge keine belastbaren Befunde. Doch Curran bleibt am Ball. "Der Bedarf, die Mechanismen zu verstehen und neue Konservierungsstrategien zu entwickeln, ist definitiv da", sagt die Forscherin, die auch ein EU-Projekt zum Thema leitet.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Das Verfallsdatum vieler Kulturgüter aus Plastik rückt näher.

© SZ vom 23.04.2018
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