Philosoph Michael Lynch:"Die Realität bahnt sich schon ihren Weg"

Das erscheint doch widersprüchlich: Wenn die Daten so rasant wachsen, dann müssten Wissen und Wahrheit sich doch ebenfalls vergrößern.

Mag sein, dass die Menge an wahren Informationen zunimmt. Ich glaube aber: Falsche Informationen nehmen schneller zu als wahre. Und was überhaupt nicht besser wird, ist unsere Fähigkeit, Wahrheit und Lüge zu trennen.

Warum nicht?

Das braucht wohl Zeit. Als im 16. und 17. Jahrhundert die ersten gedruckten Bücher erschienen, waren viele Philosophen sehr besorgt. Sie glaubten, es gebe nun so viele Bücher, dass die Menschen die guten von den schlechten nicht mehr trennen könnten. Heute ist es ähnlich: Neue Medien sind viel visueller als früher. Und man hat noch keine Techniken entwickelt, um Menschen beim Sortieren der Informationen zu unterstützen. Aber das ändert sich gerade: Reporter haben zum Beispiel ein Handbuch entwickelt, mit dem Menschen Verzerrungen in sozialen Netzwerken erkennen können. Darin wird zum Beispiel die umgekehrte Bildersuche als Möglichkeit genannt: Damit konnte zum Beispiel das Foto eines Panzers, der angeblich in der Ukraine eingesetzt wurde, in Wirklichkeit dem Tschetschenien-Konflikt zugeordnet werden.

Ist eine Gesellschaft, die Wahrheit anstrebt, für Sie automatisch eine gute Gesellschaft?

So einer Gesellschaft geht es sicher besser als so einer, die das nicht tut, aber das ist noch nicht ausreichend für eine gerechte Gesellschaft. Ein Staat kann korrumpiert und moralisch verkommen sein, obwohl er an Wahrheit interessiert ist. Philosophen müssen darüber viel mehr nachdenken: Warum ist Wahrheit so wichtig für unser Zusammenleben?

Für Politiker ist die Lüge manchmal ein willkommenes Instrument. "Wenn es ernst wird, musst du lügen", hat Jean-Claude Juncker, der neue Präsident der EU-Kommission, einmal gesagt. Er ließ Presseberichte über ein Krisentreffen mit der griechischen Regierung dementieren, obwohl die Limousinen schon zum Tagungsort vorgefahren waren. Eine Studie in Science kam sogar zu dem Ergebnis, Notlügen hielten die Gesellschaft zusammen.

Wenn die Partnerin fragt "Wie sieht dieses T-Shirt aus?" ist wohl jeder gute Ehemann oder Freund mal geneigt, nicht ganz ehrlich zu sein. Solche kleinen Unwahrheiten verbessern tatsächlich das Zusammenleben. Auf staatlicher Ebene liegt die Sache ganz anders. Wenn man die Idee zu weit treibt, dass Lügen okay sei und dass die Regierung das sogar tun müsse, landet man bei einer alten These von Platon: Die Herrschenden dürfen ihre Bürger anlügen, weil sie die "echte" Wahrheit kennen, diese aber verbergen müssen. Ein zutiefst antidemokratischer Gedanke. Damit können Regierungen es rechtfertigen, systematisch Informationen vor der Bevölkerung zu verstecken.

Sehen Sie sich an, was in den USA passiert: Die NSA sammelt massenhaft Informationen über Amerikaner und Deutsche. Bis Edward Snowden das enthüllte, hat der Geheimdienst das stets abgestritten, weil er glaubte, die Wahrheit verbergen zu müssen - exakt die Argumentation Platons.

Die DDR verfolgte dieselbe Strategie der Täuschung - und brach am Ende zusammen.

Fakten zu verwischen, mag eine Zeit lang gut funktionieren. Aber die Realität bahnt sich schon ihren Weg, da gibt es historisch genug Beispiele. Die NSA und andere Organisationen, die an der Wahrheit schrauben, täten gut daran, diese Lektion zu lernen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels sprach Herr Lynch von einem "Programm" von Amnesty International, mit dem sich Verzerrungen aufspüren ließen. Gemeint war jedoch kein interaktives Tool, sondern ein Handbuch (dieses finden Sie hier), das von Reportern entwickelt wurde und auf das Amnesty International aufmerksam gemacht hatte.

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