Vogelsterben:Töten Insektizide Vögel?

Vogelsterben: Das Insektizid Imidacloprid schadet Zugvögeln, indem es an ihren Kraftreserven zehrt.

Das Insektizid Imidacloprid schadet Zugvögeln, indem es an ihren Kraftreserven zehrt.

(Foto: AP)
  • In Europa lebten im Jahr 1980 mehr als doppelt so viele Vögel wie heute auf Feldern und Wiesen.
  • Forscher diskutieren vielfältige Ursachen für das Sterben.
  • Ein Experiment zeigt nun, dass ein verbreitetes Pestizid, das eigentlich nur Insekten töten soll, auch für Vögel gefährlich ist.

Von Tina Baier

Insektizide töten Insekten, zu diesem Zweck wurden sie erfunden. Dass Substanzen wie die Neonicotinoide dabei keinen Unterschied machen, ob es sich um einen - aus menschlicher Sicht - schädlichen Kartoffelkäfer handelt oder um eine nützliche Honigbiene, ist längst bewiesen. Kaum jemand zweifelt noch an, dass "Neonics" einer der Gründe für den drastischen Rückgang von Insekten in Deutschland und anderswo sind. Nach einer Studie in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Science ist der Schaden, den diese Pestizide in der Umwelt anrichten, aber sogar noch größer. Demnach vergiften Neonicotinoide auch Vögel.

Schon seit längerem beobachten Ornithologen, dass die Zahl der Vögel in vielen Ländern stark zurückgeht. Besonders drastisch ist der Schwund bei den sogenannten Agrarlandarten: Spezies wie Kiebitz und Feldlerche, die auf Feldern und Wiesen brüten und Futter suchen. Nach Daten des "Pan-European Common Bird Monitoring Scheme" (PECBMS), das für die Zählung der Vögel in Europa zuständig ist, hat der Bestand der Agrarlandarten seit 1980 im Schnitt um 57 Prozent abgenommen. In den USA haben Ornithologen bei 74 Prozent dieser Vogelspezies einen Schwund im Vergleich zum Jahr 1966 registriert. Eine Rolle dabei könnten die Neonics spielen, schreiben die Autorinnen der Science-Studie, drei kanadische Forscherinnen von der University of Saskatchewan.

Neonicotinoide sind die weltweit am häufigsten eingesetzten Insektizide. Dass sie Vögeln indirekt schaden, indem sie Insekten dezimieren, von denen sich viele Arten ernähren, liegt auf der Hand. Von den 248 Vogelspezies, die in Deutschland brüten, ernähren sich 80 Prozent von tierischer Kost, die Hälfte von ihnen bevorzugt Insekten. Viele Arten, die als Erwachsene etwas anderes fressen, füttern zumindest ihre Jungen mit den Kerbtieren. Vogelschützer berichten immer wieder, dass sie verhungerte Küken in Nestern finden, weil die Eltern nicht genügend Insekten gefunden haben, um die ganze Brut durchzufüttern.

Ob Neonicotinoide Vögeln auch direkt schaden, wenn diese beispielsweise Saatgut fressen, das mit den Pestiziden gebeizt ist, wird schon seit längerem diskutiert. Bisher konnte aber noch nie eindeutig nachgewiesen werden, dass die Substanzen negative Auswirkungen auf wild lebende Vögel außerhalb des Labors haben. Genau das ist Margaret Eng und ihren Kolleginnen jetzt gelungen. In einem aufwendigen Experiment kombinierten die Wissenschaftlerinnen die Methodik klassischer Fütterungsstudien mit einer modernen Tracking-Technologie, bei der Tiere mit Sendern ausgestattet werden.

Margaret Eng, Bridget Stutchbury und Christy Morrissey fingen 36 Dachsammern im Süden der kanadischen Provinz Ontario ein, als die Zugvögel dort den Flug in ihr Sommerquartier unterbrachen, um zu fressen und sich auszuruhen. Die etwa 18 Zentimeter langen Sperlingsvögel wurden gewogen; außerdem wurde der Anteil des Körperfetts am Gesamtgewicht bestimmt. Zwölf der Vögel mussten dann eine niedrige Dosis des Neonicotinoids Imidacloprid schlucken und zwölf eine hohe. Weitere zwölf Dachsammern dienten der Kontrolle und bekamen lediglich Sonnenblumenöl. Nachdem sie diese Prozedur überstanden hatten, wurden die Tiere in einen Käfig gesetzt, wo sie soviel fressen und trinken konnten, wie sie wollten. Nach sechs Stunden kontrollierten die Wissenschaftlerinnen das Gewicht der Dachsammern und befestigten einen Sender auf ihrem Rücken, um ihr weiteres Schicksal verfolgen zu können. Dann ließen sie die Vögel frei.

Imidacloprid wird in etwa 120 Ländern eingesetzt und ist wahrscheinlich das am häufigsten verwendete Insektizid überhaupt. Weil es nachweislich Wild- und Honigbienen schädigt, ist es in Europa und damit auch in Deutschland seit 2018 im Freiland verboten. In Gewächshäusern darf es aber nach wie vor benutzt werden. Wie alle Neonicotinoide ist Imidacloprid ein Nervengift. Es bindet an den "nikotinischen Acetylcholinrezeptor" von Neuronen und stört dadurch die Signalübertragung. Auch Wirbeltiere besitzen solche Rezeptoren. Diese binden Imidacloprid und andere Neonics allerdings weniger fest als ihre Pendants in Kerbtieren, weshalb man lange Zeit davon ausging, dass die Substanzen spezifisch auf Insekten wirken und für Wirbeltiere ungefährlich sind. Die aktuelle Science-Studie und vorangegangene Untersuchungen im Labor belegen aber, dass diese Annahme falsch war.

Am Bodensee ist die Zahl der Brutpaare stark geschrumpft

Die Daten zeigen, "dass sich schon eine einzige niedrige Dosis Imidacloprid negativ auf das Fress- und Zugverhalten von Dachsammern auswirkt", schreiben die Forscherinnen. Alle Vögel, die das Insektizid bekommen hatten, hörten auf zu fressen und verloren drastisch an Körpergewicht - vor allem der Fettanteil ging stark zurück. Bei den Tieren aus der Kontrollgruppe blieb das Gewicht dagegen konstant. Gewichtsverlust gehört mit zum Schlimmsten, was einem Zugvogel passieren kann. Speziell der Verlust von Fett ist lebensgefährlich. Ohne diese Reserven stehen die Tiere den langen Flug überhaupt nicht durch.

Interessanterweise schienen die Imidacloprid-behandelten Vögel zu spüren, dass sie die Reise in einem derart geschwächten Zustand nicht schaffen können. Die Auswertung der Senderdaten ergab, dass sie nach ihrer Freilassung deutlich später weiterzogen als die Tiere aus der Kontrollgruppe. Diese setzten ihre Reise im Schnitt bereits nach einem halben Tag fort. Dachsammern, die die hohe Dosis des Insektizids bekommen hatten, flogen dagegen erst nach vier Tagen weiter, Vögel die mit der niedrigen Dosis behandelt worden waren, nach drei. Nachdem die Tiere losgeflogen waren, stellten die Wissenschaftlerinnen dann keine Unterschiede mehr zu Artgenossen fest, die kein Insektizid gefressen hatten - weder in der Fluggeschwindigkeit, noch im Orientierungsvermögen.

Beide Effekte - der Gewichtsverlust und der verzögerte Aufbruch "scheinen mit der appetitzügelnden Wirkung von Imidacloprid zusammenzuhängen", sagt Margaret Eng. "Alle Vögel, die das Insektizid bekommen haben, nahmen weniger Nahrung zu sich und es ist wahrscheinlich, dass sie später losgeflogen sind, weil sie Zeit brauchten sich zu erholen und ihre Kraftreserven wieder aufzufüllen."

"Der Zug ist eine kritische Periode für Vögel."

Verspätung bei der Ankunft in den Brutgebieten kann nach Ansicht der Autorinnen zur Folge haben, dass sich die Nachzügler nicht fortpflanzen können - zum Beispiel weil sie keinen Partner mehr finden oder weil schon alle Nistplätze besetzt sind. "Der Zug ist eine kritische Periode für Vögel und ein gutes Timing spielt dabei eine wichtige Rolle", sagt Christy Morrissey. Die beobachteten Auswirkungen einer Neonicotinoid-Vergiftung könnten deshalb ihrer Ansicht nach "zum Teil erklären, warum Agrarlandarten weltweit so dramatisch schwinden".

Die Forscherinnen betonen, dass sowohl die niedrige als auch die hohe Dosis Imidacloprid in ihrem Experiment "im Rahmen dessen lagen, was ein Vogel realistischerweise in freier Wildbahn aufnimmt". Sei es, weil er zufällig in den Sprühnebel eines Landwirts gerät, der das Insektizid auf einem Feld verteilt oder weil er Samen frisst, die mit Imidacloprid behandelt wurden. Auch über kontaminiertes Trinkwasser können Neonicotinoide in den Körper von Tieren gelangen. "Möglicherweise reichern sich Insektizide im Lauf der Zeit auch in der Nahrungskette an, etwa wenn Vögel Insekten fressen, die dem Gift ausgesetzt waren", sagt Jutta Leyrer, stellvertretende Leiterin vom Bergenhusener Michael-Otto-Institut des Naturschutzbundes Deutschland. Die Neonics seien aber nicht der einzige Grund für das weltweite Schwinden der Vögel.

"Es gibt ein ganzes Bündel von Ursachen", sagt auch Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell. Der Ornithologe hat erst kürzlich eine Studie veröffentlicht, wonach die Zahl der Vogelbrutpaare am Bodensee zwischen 1980 und 2013 um ein Viertel zurückgegangen ist. Das Grundproblem sei die intensive Landwirtschaft. Für Vögel sind die dicht bewachsenen Äcker per se lebensfeindlich. Die Pestizide, ohne die die intensive Landwirtschaft nicht funktioniert, sind aber möglicherweise der berüchtigte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

© SZ vom 13.09.2019
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