Krankheitserreger:Pest suchte Menschen schon vor 5000 Jahren heim

Dossier: Pest plagte Menschen schon vor 5000 Jahren

Schädelknochen eines Pestkranken, der vor 5000 Jahren im Gebiet des heutigen Lettlands lebte

(Foto: Dominik Göldner/BGAEU, Berlin)

Forscher haben in Überresten eines Mannes, der um 3000 vor Christus im Baltikum lebte, Rückstände von Pest-Bakterien nachgewiesen. Hatten Biber mit dem Aufkommen der Krankheit zu tun?

Bereits vor 5000 Jahren haben sich Menschen mit dem Erreger der Pest angesteckt. Forscher aus Kiel wiesen Erbgut des Yersinia pestis-Bakteriums bei einem Mann nach, der damals im Gebiet des heutigen Lettlands lebte. Große Pest-Epidemien wie später etwa in der Spätantike oder im Mittelalter habe es damals vermutlich aber nicht gegeben, schreiben die Forscher im Fachmagazin Cell Reports. Wahrscheinlich habe sich der Mann durch den Biss eines Tieres infiziert, der Erreger sei aber vermutlich weniger ansteckend gewesen als spätere Stämme.

Das Team um Julian Susat und Ben Krause-Kyora von der Universität Kiel hatte Knochen von insgesamt vier Menschen untersucht, die in Lettland nahe des Flusses Salaca beerdigt worden waren. Die heute als Rinnukalns bekannte archäologische Stätte besteht aus Schichten von Süßwassermuscheln sowie Fischknochen, die vor gut 5000 Jahren in einem kurzen Zeitraum von 100 bis 200 Jahren abgelagert worden waren.

Der Pest-Stamm unterscheidet sich von späteren Erregern aus der Bronzezeit

Knochenreste von zwei Menschen waren bereits 1875 von dem Amateur-Archäologen Carl Georg von Sievers entdeckt worden. Es handelte sich um eine 12- bis 18-jährige Frau und einen etwa 50-jährigen Mann, die der Archäologe als "prähistorisch" einstufte. Für eine Bestätigung dieser Annahme schickte er die Schädel dem Mediziner Rudolf Virchow nach Berlin, der sie untersuchte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Knochen verschollen, erst 2011 wurden sie in einer Sammlung Virchows wiedergefunden.

In diesen sowie in den Knochen von zwei weiteren in Rinnukalns entdeckten Menschen, einem erwachsenen Mann und einem Neugeborenen, suchten die Forscher nun nach genetischen Spuren von Krankheitserregern. Bei dem 50-jährigen Mann, als RV2039 bezeichnet, wurden sie fündig: Sie entdeckten DNA von Yersinia pestis, dem Pest-Erreger. Der nachgewiesene Stamm unterscheide sich genetisch von späteren Stämmen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit, berichten die Forscher.

Ihre Analysen ergaben, dass sich Yersinia pestis vor etwa 7000 Jahren vom Bakterium Yersinia pseudotuberculosis abgespalten hatte - früher als bislang angenommen. Vor etwa 5000 Jahren begann sich dann die Linie des Pest-Erregers in mehrere Stämme aufzufächern. Der bei RV2939 gefundene Erreger sei der erste dieser Stämme.

Der Erreger wurde noch nicht über Flöhe verbreitet

Es sei denkbar, dass sich die damaligen Menschen bei Nagetieren ansteckten, die sie jagten. In Rinnukalns seien vor allem Reste von Bibern gefunden worden, die bekanntermaßen häufig mit Y. pseudotuberculosis infiziert waren, also dem Vorgänger des jetzt nachgewiesenen Pest-Erregers.

Ob und wie sehr der Mensch unter der Pest gelitten habe, sei unklar, schreiben die Forscher. Dem Erreger habe noch die genetische Anpassung zur Übertragung über Flöhe gefehlt, so wie es bei der Beulenpest der Fall sei. Allerdings sei er theoretisch in der Lage gewesen, in die Lunge zu wandern und dann mit Aerosolen weitergetragen zu werden. Die Lungenpest ist allerdings heute selten - ebenso wie vermutlich auch damals, schreiben die Forscher.

Es sei schwierig, die Gefährlichkeit und Ansteckungsfähigkeit der frühen Erreger zu beurteilen. Bisher seien Nachweise des Bakteriums bei prähistorischen Menschen immer Einzelfälle gewesen. Es sei daher vorstellbar, dass der Mann unter der sogenannten septikämischen Pest gelitten habe, bei der der Erreger durch Tierbisse übertragen wird und sich dann in der Blutbahn ausbreitet.

© SZ/dpa
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