Psychologie:Früher war alles besser

Lesezeit: 3 min

Psychologie: Vergangene Größe: das Kolosseum in Rom.

Vergangene Größe: das Kolosseum in Rom.

(Foto: LAURENT EMMANUEL/AFP)

Warum Menschen seit jeher den Verfall der Sitten und den schrecklichen Zustand ihrer Gesellschaft beklagen.

Von Sebastian Herrmann

Am 19. März des Jahres 1666 besucht Samuel Pepys, Präsident der Royal Society, Abgeordneter des englischen Unterhauses und Staatssekretär im Marineamt, das King's Theatre in London. In seinem Tagebuch mokiert er sich ein wenig über den traurigen Zustand des Hauses, das gerade umgebaut wird, und berichtet dann weiter, dass er anschließend, tief befriedigt, mit Sir. G. Carteret über den generell beklagenswerten Zustand des Königreiches und den allgemeinen Verfall der Sitten gesprochen habe. Schon damals standen die Dinge also scheinbar Spitz auf Knopf, es ging, so der Eindruck, bergab. Wo sollte das nur enden?

Der Verfall der Sitten war schon immer ein beliebter Gesprächsstoff. Spätestens seit die Menschen die Sprache erfunden haben, beklagen sie, dass die Dinge sich zum Schlechteren entwickeln. O Tempora, o Mores, was für Zeiten, was für Sitten, beschwor auch schon der Römer Cicero vor mehr als 2000 Jahren in seinen Reden. Und auch aktuell jammern die Menschen irre gerne darüber, dass es mit der Moral nicht mehr weit her sei und es bergab gehe, wie gerade die Psychologen Bryan West und David Pizarro von der Cornell University einer Studie berichten. Der Glaube an den Verfall der Sitten lebe, so die Botschaft, und zwar quer durch alle Generationen, politische Zugehörigkeiten oder religiöse Überzeugungen, wie die Forscher in der Arbeit auf dem Preprintserver PsyArXiv schreiben.

Sittenpessimist Pepys fand nichts dabei, dass er seine Frau schlug

Dabei richten sich die Untergangsklagen fast exklusiv auf Angelegenheiten, die im Reich der Moral angesiedelt sind. Die Probanden der Psychologen West und Pizarro gaben zu Protokoll, dass sich vor allem ethisch relevante Dinge während ihrer Lebenszeit auf gesellschaftlicher Ebene verschlechtert hätten. Klar, Autos, Kommunikationstechnik und Technologie allgemein hätten sich schon verbessert. Aber was zähle das schon? Wo doch Kriminalität, Gewalt, Rassismus, Respektlosigkeiten sowie andere Verwerflichkeiten stetig zunähmen und die Gesellschaft, wie wir sie kennen, deshalb vor dem Kollaps stehe.

Und damit kurz zurück zu Samuel Pepys, dem Londoner Sittenpessimisten und Lebemann, der sein Treiben (und seine Triebe) im 17. Jahrhundert in überaus saftigen Tagebüchern festgehalten hat. Darin beschreibt er etwa, wie er vergnügt die Hinrichtung eines Majors Harrison beobachtete, der öffentlich gehängt, ausgedärmt und geviertelt wurde. Anschließend war Pepys, so berichtet er, schön in Begleitung ein paar Austern essen. An anderen Tagen, an sehr vielen sogar, schreibt er von seinen überaus zahlreichen Affären und der derben Art, wie er sich den Frauen näherte. Er berichtet, wie seine Frau Elizabeth ein blaues Auge stumm und vorwurfsvoll vor den Hausangestellten zur Schau trug, das er ihr selbst verpasst hatte. Kurz, die Tagebücher des Samuel Pepys lassen sich als Fallbeispiel dafür lesen, dass es mit dem Verfall der Sitten nicht weit her ist und sich seither im Gegenteil doch ein paar Dinge zum Besseren entwickelt haben. Wer zum Beispiel war zuletzt zum Zeitvertreib auf einer öffentlichen Hinrichtung mit anschließender Austern-Sause? Und welcher Politiker hat sich zuletzt mit seinen Affären oder seinem Hang zu häuslicher Gewalt gebrüstet?

Es haben sich doch ein paar Dinge im Reich der Moral zum Besseren entwickelt, das darf in dieser vagen Verallgemeinerung gesagt werden. Doch generell würden Menschen als suspekt, gefühlskalt und unmoralisch wahrgenommen, so schreiben West und Pizarro, deren Botschaft der Sittenfortschritt ist. Das Publikum hört allen Beteuerungen zum Trotz lieber tägliche Schauergeschichten über Mord, Totschlag und andere hässliche Vorgänge. Der verbreitete moralische Pessimismus diene womöglich einem Zweck, argumentieren West und Pizarro: Die Sorge vor dem Niedergang der Werte einer Gesellschaft helfe, diese aufrecht und Gesellschaften intakt zu halten.

Menschen klagen mit gleichbleibender Wucht über immer geringfügigere Vergehen

Eine andere Interpretation des nimmer endenden Gejaules über den Niedergang der Moral lässt sich aus einer anderen aktuelle Studie ziehen, die Psychologen um Craig Harper von der Nottingham Trent University gerade publiziert haben: Der Fortschritt maskiert sich selbst, weil die Empfindlichkeiten die gleichen bleiben. Statt sich über schwere Fehler aufzuregen, regen sich die Menschen dann eben über immer kleinere Vergehen auf - aber mit gleichbleibender Wucht. Wie die Psychologen um Harper im Fachblatt Social Psychological and Personality Science berichten, gleichen sich auch da die Anhänger der politischen Lager: Progressive wie Konservative zeigen in diesem Zusammenhang ein ähnliches Muster, nur eben auf unterschiedlichen Feldern.

Auf linker Seite des politischen Spektrum werden die Definitionen von Trauma, Sexismus, Rassismus, Mobbing, Vorurteilen, psychischer Krankheit oder Suchtproblematiken ausgeweitet. Was zum Beispiel einst als gewöhnliche Rauferei auf dem Schulhof galt, trägt nun oft den Stempel "Mobbing". Bisher galt dieses Concept Creep (Konzept-Ausweitung), wie der australische Psychologe Nick Haslam das Phänomen getauft hat, vor allem als exklusiv links-progressiv. Doch wie Harper und seine Kollegen zeigen, weiten auch rechts-konservative Menschen jene moralisch aufgeladenen Konzepte aus, die ihnen wichtig sind. Zum Beispiel, so die aktuelle Studie, verbreitern sich die Vorstellungen davon, was als sexuell abnorm, welche Formen von Protest und Aktivismus als Terrorismus gelten sollen und wo persönliche Verantwortung beginnt.

Die kurze Botschaft also lautet: andere Werte, andere Vorstellungen des Sittenverfalls. In beiden Fällen aber gilt, dass das Geschrei in vielen, vermutlich sogar sehr vielen Fällen überzogen ist. Auch 2000 Jahre nach Cicero und bald 400 Jahre nach Samuel Pepys sind weder Moral noch Menschlichkeit vollkommen zusammengebrochen. Aber natürlich ist auch längst nicht alles gut, ist ja klar.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusPsychologie
:Was über die Wirkung von Musik bekannt ist

Die Alltagserfahrung sagt: Musik zu hören, reduziert Stress. Aber ist das auch wirklich so?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB