Persönlichkeitsstörung bei Star-Wars-Helden Darth Vader auf der Couch

Der Psychiater Eric Bui diagnostiziert bei Anakin Skywalker eine Borderline-Persönlichkeitsstörung - und sieht in der Krankheit einen Grund für den Erfolg der "Star Wars"-Filme.

Interview: Lilith Volkert

Star Wars ist die wirtschaftlich erfolgreichste Filmreihe aller Zeiten, Millionen Fans haben seit 1977 die Filme von George Lucas gesehen. Am Ende von Episode III: Die Rache der Sith, läuft die Hauptfigur Anakin Skywalker von den Jedi-Rittern zu ihren Gegnern über, seitdem wird er Darth Vader genannt.

Impulsive Hauptfigur: Anakin Skywalker ist für den Psychiater Eric Bui typischer Borderline-Patient. Hier in "Episode III - Die Rache der Sith" gespielt von Hayden Christensen.

(Foto: AP)

sueddeutsche.de: Herr Bui, viele Fans haben sich gefragt, warum Anakin Skywalker auf die "dunkle Seite der Macht" wechselt. Wissen Sie es?

Eric Bui: Ich vermute es. Anakin Skywalker leidet unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung.

sueddeutsche.de: Was bedeutet das?

Bui: Borderline wird definiert durch eine fortlaufende Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in der Stimmung. Man schwankt gefühlsmäßig zwischen extremen Polen hin und her.

sueddeutsche.de: Warum sind Sie so sicher, dass Anakin davon betroffen ist?

Bui: Um die Diagnose stellen zu können, müssen fünf von neun vorgegebenen Kriterien erfüllt sein. Bei Anakin sind es sogar sechs.

sueddeutsche.de: Zum Beispiel?

Bui: Anakin ist sehr impulsiv und hat oft Schwierigkeiten, seine Wut in den Griff zu bekommen. Gegenüber seinen Jedi-Freunden schwankt er zwischen Idealisierung und totaler Abwertung: Er schwört Obi Wan ewige Freundschaft, kurz darauf sieht er in ihm seinen größten Feind. Zweimal verliert Anakin den Kontakt zur Realität und erlebt sogenannte dissoziative Episoden: Einmal metzelt er wie im Wahn die Sandleute nieder, ein anderes Mal die jungen Jedis. Außerdem hat er riesige Angst, seine Frau Padme zu verlieren. Das ist ganz typisch.

sueddeutsche.de: Was könnte die Krankheit bei ihm verursacht haben?

Bui: Die Borderline-Störung wird oft durch traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit ausgelöst. Anakin kennt seinen Vater nicht, er wurde früh von seiner Mutter getrennt.

sueddeutsche.de: Was, wenn er rechtzeitig eine Psychotherapie gemacht hätte?

Bui: Wahrscheinlich wäre er nicht auf die dunkle Seite der Macht gewechselt und nie zu Darth Vader geworden. Auf jeden Fall hätte er weniger gelitten.

sueddeutsche.de: Und die Star Wars-Filme wären um einiges langweiliger gewesen. Mal im Ernst: Warum haben Sie eine Filmfigur auf psychische Krankheiten hin untersucht?

Bui: Mir kam der Gedanke, als ich Medizinstudenten die Borderline-Persönlichkeitsstörung erklärte. Vielleicht kann ein berühmter Betroffener helfen, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass viele Menschen, die uns mit ihrer Unausgeglichenheit das Leben schwermachen, krank sind - und selbst unter ihrem Verhalten leiden.

sueddeutsche.de: Psychisch Kranke stoßen in der Gesellschaft häufig auf Unverständnis.

Bui: Ja, und es gibt eine Menge Vorurteile, zum Beispiel dass psychisch Kranke besonders leicht kriminell werden. Das ist Unsinn. Nur weil man etwa an Borderline erkrankt ist, heißt das nicht, dass man auf der "dunklen Seite der Macht" steht.

sueddeutsche.de: Star Wars war kommerziell enorm erfolgreich - obwohl die Hauptperson ihrer Meinung nach eine Persönlichkeitsstörung hat.

Bui: Gerade deswegen! Ich glaube, dass Anakins Krankheit zu dem großen Erfolg beigetragen hat.

sueddeutsche.de: Warum das?

Bui: Gerade Jugendliche sind oft emotional nicht besonders stabil und zeigen Verhaltensmuster, die für Borderline typisch sind, für sich alleine aber noch nicht auf eine Persönlichkeitsstörung hindeuten. Deshalb können sich sehr viele Menschen mit Anakin identifizieren. Sie leiden mit ihm, weil sie seine Gefühle gut kennen.

sueddeutsche.de: Welche Reaktionen gab es auf Ihre Studie?

Bui: Die Kollegen waren eher amüsiert. Ich habe aber auch E-Mails von Star Wars-Fans bekommen, die mir sehr ausführlich erklärten, dass Anakin gar nicht krank sein kann - denn für alles, was er getan hat, habe er doch gute Gründe gehabt ...

sueddeutsche.de: Ist so eine Ferndiagnose wissenschaftlich überhaupt fundiert?

Bui: Eigentlich nicht, aber ich weise in der Studie auch darauf hin, dass sie rein deskriptiv ist. Für eine hieb- und stichfeste Diagnose würde ich mich ausführlich mit Anakin unterhalten. Und einen ganzen Packen Fragebögen müsste er ausfüllen.

sueddeutsche.de: Wer wird Ihr nächster prominenter Patient sein? Obelix wegen Ess-Sucht und gestörter Impulskontrolle?

Bui: Ich habe eher an Dr. House aus der Fernsehserie gedacht. Leider hat der schon einen Psychiater.

Eric Bui, 33, arbeitet als Psychiater an der Universitätsklinik in Toulouse. Seine Diagnose von Anakin Skywalker veröffentlichte er in der Zeitschrift Psychiatric Research.