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Perser gegen Römer:Antiker Giftgasangriff

Britische Archäologen haben das Rätsel der zwanzig toten Legionäre von Dura-Europos gelöst: Die römischen Soldaten wurden 256 nach Christus offenbar bei einem Gasangriff getötet.

Markus C. Schulte von Drach

Es muss schnell gegangen sein für die römischen Soldaten. Kaum hatten die etwa zwanzig Legionäre den Tunnel erreicht, den feindliche Kämpfer der Sassaniden unter die Mauer der Garnison Dura-Europos gegraben hatten, wurden sie ohnmächtig. Wenige Minuten später waren sie erstickt.

Nicht nur römische Legionäre wurden in dem Tunnel entdeckt. Auch einer der persischen Angreifer starb dort.

(Foto: Foto: University Art Gallery, Dura-Europos Excavation Archive)

Ihre Leichen sind die ältesten archäologischen Zeugnisse chemischer Kriegsführung in der Antike.

Britische Wissenschaftler haben jetzt das Drama rekonstruiert, das damals, im Jahre 256 nach Christus, unter den Mauern der syrischen Festung stattgefunden haben muss.

Die persischen Sassaniden waren unter ihrem König Schapur I. in Syrien und Mesopotamien eingedrungen, es kam zum Krieg mit den Römern unter Kaiser Valerian. Eine der großen Festungen der Römer in Syrien war die ursprünglich griechische Stadt Dura-Europos am Euphrat (kurz vor der Grenze zum heutigen Irak).

Die Perser versuchten, die Mauern der Garnison mit Tunneln zu unterminieren. Die Römer gruben nun selbst mindestens einen Tunnel, um sich dem Gegner unter der Erde in den Weg zu stellen. Doch es kam nicht zum Kampf.

Die Perser hatten die römischen Grabungsarbeiten offenbar gehört und sich vorbereitet. Als die Legionäre in ihren Tunnel durchstießen, kamen ihnen giftige Qualmwolken entgegen. Die Sassaniden hatten Kohlebecken aufgestellt, verbrannten Pech und Schwefelkristalle und setzten Blasebalge ein, um den dichten, erstickenden Rauch in den gegnerischen Tunnel zu treiben.

Innerhalb von Sekunden brachen etliche Legionäre zusammen. Die Perser schichten die Leichen und deren Schilder zu einem Verteidigungswall auf. Dann steckte einer ihrer Kämpfer den römischen Tunnel in Brand - und starb offenbar selbst in den dabei entstehenden giftigen Dämpfen. Auch sein Skelett wurde ausgegraben. Der römische Tunnel fiel zusammen und die Perser konnten ihre eigenen Grabungsarbeiten ungestört vollenden.

Ob sich der Vorfall tatsächlich exakt so ereignet hat, ist nicht sicher. Doch viele Indizien sprechen dafür, berichtete Simon James von der britischen University of Leicester kürzlich auf einer Tagung in Philadelphia.

So lässt sich auf diese Weise die ungewöhnliche Lage der toten Legionäre und ihrer Waffen in dem Tunnel erklären, die in den 1930er Jahren in Duro-Europos ausgegraben wurden.

"Um zwanzig Männer in einem Raum mit weniger als zwei Metern Höhe und Breite sowie elf Metern Länge zu töten, hätten die Perser übermenschliche Kräfte besitzen müssen - oder etwas Heimtückisches", ist James sicher. Für Letzteres sprechen die Hinweise auf Pech und Schwefel, die der Archäologe im römischen Tunnel entdeckt hat.

Nachdem die Sassaniden ihren Tunnel vollendet hatten, ließen sie ihn gezielt einbrechen. Doch ihr Ziel erreichten sie nicht. Die Festungsmauer sackte ein Stück ein - blieb jedoch stehen. Trotzdem eroberten die Perser, die die Mauer auch mit Hilfe einer Rampe zu überwinden versuchten, schließlich die Stadt. Die Römer, so vermutet James, wurden getötet oder nach Persien deportiert. Die Ruine der Stadt geriet in Vergessenheit, bis Archäologen sie 1920 wiederentdeckten.

Das von James entworfene Szenario für Dura-Europos ist auch deshalb realistisch, weil chemische Waffen bereits früh in der Antike eingesetzt wurden.

Der berühmteste Kampfstoff ist das Griechische Feuer, eine Mischung aus Erdöl, Asphalt, Schwefel und anderen Stoffen. Auch wurde "der Gebrauch von Raucherzeugern in Belagerungstunneln schon in klassischen Texten erwähnt", erklärte der Archäologe.

Und für die Römer war der Angriff unter den Mauern von Dura-Europos nicht das erste Mal, dass sie in einem Tunnel mit Giftgas bekämpft wurden.

So belagerte die römische Armee im Jahre 190 vor unserer Zeitrechnung die stark befestigte Stadt Ambrakia (das heutige Arta) im Westen Griechenlands. Nachdem die Angreifer mit dem Versuch gescheitert waren, eine Bresche in die Mauern zu schlagen, legten sie einen Tunnel an, um die Festung zu unterminieren.

Doch die Verteidiger verbrannten Federn, leiteten den Rauch mit Hilfe eines Blasebalgs und einer Röhre durch ein Loch in den Tunnel und verjagten die Römer - für diesmal.

© sueddeutsche.de/mri

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