Verhaltensbiologie:Der Preis des Zusammenlebens

Paviane wandern

In Gruppen von bis zu 150 Tieren wandern Paviane auf der Suche nach Nahrung.

(Foto: Roi Harel / Max Planck Institute of Animal Behavior)

Wenn eine Paviangruppe wandert, gleichen die Tiere ihr Tempo an. Die kleinen Tiere müssen sich dabei deutlich mehr abmühen. Was bekommen sie für diesen Kraftakt?

Von Katrin Blawat

In einer Gruppe zu leben, ist im Großen und Ganzen eine gute Idee. Zusammen mit anderen fällt vieles leichter. Doch wie bei vielen schönen Ideen stecken die Tücken im Detail. Zum Beispiel, wenn es um die - nur vermeintlich banalen - Fragen geht: Wo wollen wir zusammen hin? Und in welchem Tempo? Egal, wie die Antwort ausfällt, ist eines ziemlich sicher: Den einen geht es dann zu schnell vorwärts, den anderen zu gemächlich, und nicht jedem wird die Richtung gefallen.

In der Gruppe Entscheidungen zu treffen, darf als die Königsdisziplin des Soziallebens gelten. Und wie eine aktuelle Studie nahelegt, kann es nicht schaden, sich bei der Bewältigung dieser Herausforderung bei Anubispavianen umzuschauen. "Paviane leben in Gemeinschaften, die denen der frühen Menschen ähneln, also in stabilen Gruppen mit verschiedenen Altersstufen", sagt Roi Harel. Er ist Erstautor einer soeben veröffentlichten Studie im Fachjournal Proceedings B, die den Zusammenhalt und die Entscheidungsfindung in einer Paviangemeinschaft genauer analysiert hat. Demnach pflegen diese Primaten eine Gesellschaftsform, die je nach Situation zwischen Despotie und Demokratie pendelt. Dabei nehmen die schwächsten Mitglieder der Gruppe die größten Kompromisse in Kauf - haben aber auch die größten Vorteile vom Zusammenleben mit ihren Artgenossen.

Das machen Harel und seine Coautoren Carter Loftus und Margaret Crofoot vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz an der Geschwindigkeit fest, mit der sich eine Paviangruppe fortbewegt. Dabei haben die Affen je nach ihrer Größe unterschiedliche Lieblingsgeschwindigkeiten. "Wer schon einmal neben einem Kleinkind hergegangen ist, weiß, wie schwierig es ist, mit jemandem zu laufen, der andere körperliche Voraussetzungen hat", sagt Harel.

GPS-Halsbänder und Schrittzähler - noch nie wurden Paviane so detailliert überwacht

Würde jeder Affe seiner persönlichen Geschwindigkeitsvorliebe folgen, wäre die Gruppe schnell auseinandergerissen, wie auch Computersimulationen der Biologen gezeigt haben. Um das zu verhindern, laufen die größeren Affen langsamer, die Jungtiere dagegen deutlich schneller, als es ihrer Physis eigentlich entspräche. Die kleinen Affen passen sich dabei stärker an als die größeren. Vermutlich, so schreiben die Autoren, weil die Jungtiere auf der anderen Seite besonders vom Schutz der Gruppe profitieren. Auch in einem Affenleben gibt es eben nichts umsonst.

Gewonnen haben die Forscher diese Erkenntnisse mithilfe von GPS-Halsbändern sowie Geschwindigkeits- und Schrittmessern, die sie 25 Pavianen im Mpala-Forschungszentrum in Kenia angelegt hatten. Wie die Messdaten weiter zeigten, bestimmte auch die Laufposition innerhalb der Gruppe mit darüber, wie sehr das einzelne Tier auf den räumlichen Zusammenhalt achtete. Wer vorne lief, kümmerte sich stärker darum und legte öfter Pausen ein, damit die anderen aufholen konnten. Die Tiere am Ende der Gruppe hingegen erlaubten sich größere Abstände zu ihren Artgenossen - vielleicht in dem Wissen, dass andere sich schon um den Zusammenhalt kümmern würden.

Möglicherweise limitieren diese Fortbewegungsregeln sogar die Größe einer Horde, schreiben die Autoren. Je größer eine Gruppe ist, umso deutlicher muss jedes Tier von seiner bevorzugten Geschwindigkeit abweichen. Aus energetischer Sicht lohnt sich das vermutlich für die besonders kleinen Mitglieder irgendwann nicht mehr, zumal größere Horden längere Wege zurücklegen müssen, um gute Futter- oder Schlafplätze zu erreichen.

Bei Gruppenentscheidungen hält sich das dominante Männchen meistens zurück

Und es ist ja nicht nur die Geschwindigkeit, auf die sich alle einigen müssen. Davor steht noch die Frage: Wo wollen wir denn überhaupt hin? Auch dafür gibt es in einer Paviangruppe Regeln, die zum Teil dem Mehrheitsprinzip folgen, wie Crofoot und ihre Kollegen in früheren Studien gezeigt haben. Angenommen, fünf Tiere einer Gruppe biegen nach rechts ab, zehn Tiere nach links. Was macht der Rest der Horde? Ist der Winkel zwischen den beiden vorgeschlagenen Richtungen klein, unter 90 Grad, wählen die übrigen Affen im Wortsinn den Mittelweg und laufen zwischen den beiden Teilgruppen hindurch. Beträgt der Winkel deutlich mehr als 90 Grad, folgen die restlichen Affen der größeren Teilgruppe. Ein Faktor allerdings kann diese Mehrheitsregel außer Kraft setzen: Straßen. Ihnen folgen die Tiere bevorzugt, weil sie dort leichter vorankommen. Wollen einige Affen ihre Artgenossen davon überzeugen, von einer Straße in unwegsames Gelände abzubiegen, müssten sie schon sehr zahlreich sein, um den Rest der Gruppe zu überzeugen.

Bei all diesen Entscheidungen spielt der soziale Rang der Tiere keine Rolle. Das ist erstaunlich, weil Paviane sonst durchaus etwas übrig haben für klare Hierarchien. In jeder Gruppe gibt es ein klar dominantes Männchen, das allerlei Privilegien beansprucht. Es frisst, wann, was und so lange es will und sichert sich die besten Schlafplätze sowie Paarungsgelegenheiten. Von mehrheitsbasierten Entscheidungen ist dann keine Rede mehr, das Alpha-Männchen herrscht in diesen Situationen als Despot. "In Eins-zu-eins-Interaktionen hat das dominante Männchen eindeutig Macht über die anderen", sagt Harel. Warum kann oder will das dominante Männchen in solchen Situationen seinen Einfluss nicht geltend machen? Vielleicht liegt in der Antwort auf diese Frage das Geheimnis eines friedlichen Gruppenlebens.

© SZ
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