Erfindungsreiche Kakadus:Kakadus kultivieren Mülleimer-Trick

Kakadus lernen das Öffnen von Mülltonnen voneinander

Ein australischer Gelbhaubenkakadu bei der Nahrungssuche.

(Foto: B. Klump/dpa)

Papageien in Sydney haben gelernt, Abfallbehälter zu öffnen, um in den menschlichen Hinterlassenschaften Futter zu suchen. Artgenossen schauen sich die Tricks der Erfinder ab und verfeinern die Technik.

Von Katrin Blawat

Was lassen sich nicht alles für Schätze in Mülltonnen finden. Zumindest für Gelbhaubenkakadus in den Vororten Sydneys enthalten die Tonnen derartige Köstlichkeiten, dass die Papageien sogar eigens eine spezielle Technik entwickelt haben, um an den Inhalt heranzukommen. Und hat ein Vogel die Öffnungsmethode erst einmal verstanden, behält er sie nicht für sich. Vielmehr schauen sich andere Kakadus die Technik ab und wenden sie ihrerseits an. Auf diese Weise hat innerhalb von zwei Jahren in den Vororten Sydneys immer mehr die Gewohnheit um sich gegriffen, dass die Papageien Mülltonnen öffnen und ausräubern. Das beschreiben Biologen um Barbara Klump und Lucy Aplin vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell zusammen mit australischen Kollegen im Fachmagazin Science.

Begonnen hatte alles mit einem Video, das Coautor Richard Major Aplin zeigte. Zu sehen war ein Gelbhaubenkakadu, wie er mit Schnabel und Fuß den Deckel einer Mülltonne anhebt und oben auf dem Rand der Mülltonne entlang trippelt, bis er den Deckel nach hinten fallen lassen kann. Dann folgt das Festmahl. Um herauszufinden, wie verbreitet dieses Verhalten unter den Vögeln ist, riefen die Wissenschaftler per Internet dazu auf, ihnen an Mülltonnen herumwerkelnde Kakadus zu melden. Die Vögel sind rund um Sydney weit verbreitet; an ein Leben in enger Nachbarschaft zum Menschen haben sich bestens gewöhnt.

Der Umfrage zufolge beherrschten zu Beginn nur in drei Vororten Papageien diese spezielle Technik. Doch zwei Jahre später betätigten sich bereits in 44 Vororten Kakadus als Mülltonnenöffner. Wie die zeitliche und räumliche Analyse zeigte, verbreitete sich die Fähigkeit von den wenigen Ursprungsorten aus zunächst in direkt daran angrenzende Vororte und zog so kontinuierlich weitere Kreise.

Subkulturen des Mülltonnen-Plünderns

Dies interpretieren die Forscher als Beleg für soziales Lernen und die Entwicklung einer neuen Kultur unter den Gelbhaubenkakadus. Die Vögel haben sich also die Technik voneinander abgeschaut und sie auf diese Weise schnell und weiträumig verbreitet. Ein neues Verhalten von Artgenossen zu übernehmen, fällt vor allem sozial lebenden Tieren leicht, die eine jahrelange Entwicklungsphase haben und generell lernfähig sind. All diese Kriterien erfüllen Gelbhaubenkakadus.

Der Studie zufolge kopierten sie jedoch das Verhalten ihrer Artgenossen nicht immer haargenau, sondern pflegten im Detail individuelle Stile, etwa in der Art, wie sie den Deckel lüpften. Darüber hinaus stellten die Biologen so etwas wie Subkulturen in einzelnen Vororten fest - feine Unterschiede in der Technik, die sich mit der Zeit in den einzelnen Gebieten etablierten.

Dass Tiere lernen, sich neue, auch vom Menschen stammenden Nahrungsquellen zu erschließen, ist keine Seltenheit. Auch die Weitergabe solcher Fähigkeiten an Artgenossen kommt häufig vor. Ein berühmtes Beispiel sind jene Meisen in Teilen Englands, die dort vor Jahrzehnten gelernt haben, die Deckel von Milchflaschen zu öffnen, die vor der Haustür stehen. Doch um es mit einer großen Mülltonne aufzunehmen, braucht es außer Geschick auch einiges an Kraft. Das mag der Grund dafür sein, warum außer Kakadus bisher lediglich neuseeländische Keas - ebenfalls eine Papageienart - dabei beobachtet wurden, wie sie sich an Mülltonnendeckeln schaffen machten. Im Gegensatz zu den Kakadus blieben die neuseeländischen Vögel jedoch oft erfolglos.

In den Vororten Sydneys waren es vor allem kräftige, männliche Papageien, die sich erfolgreich an den Mülltonnen versuchten. Waren die Deckel dann erst einmal geöffnet, kamen auch andere Artgenossen und bedienten sich. So hatten auch die weniger lernfähigen oder schwächeren Papageien etwas von der Innovationsfreude ihrer Artgenossen.

© SZ
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