Süddeutsche Zeitung

Psychologie:Damals, als das Virus wütete

Bei vielen Menschen scheint die Erinnerung an die Pandemie verzerrt zu sein. Die einen übertreiben das Risiko, die anderen spielen es herunter. Entscheidend dafür ist der eigene Impfstatus.

Von Sebastian Herrmann

Der erste Lockdown, die erste Phase der Pandemie verbirgt sich fern im Nebel der Erinnerung. Wie war das damals, als plötzlich ein neues, unbekanntes Virus auftauchte und die Welt eine Weile in Schockstarre verfiel? Eine ganze Reihe tragischer Großkrisen später fühlt es sich an, nicht für jeden, aber doch für viele, als habe die Pandemie in ferner Vergangenheit stattgefunden und nicht erst vor gut dreieinhalb Jahren ihren Anfang genommen. Was also bleibt zurück, auf welche Erinnerungen können Gesellschaften aufbauen, um das Geschehen möglichst korrekt zu analysieren, aufzuarbeiten und daraus Lehren zu ziehen?

Psychologen um Philipp Sprengholz von der Universität Bamberg und Cornelia Betsch von der Universität Erfurt zeigen gerade in einer Studie im Wissenschaftsjournal Nature, dass die Erinnerungen an die Pandemie in der Regel verzerrt sind. Und das gilt in beide Richtungen: Die einen übertreiben das damalige Risiko, die anderen spielen es herunter.

Entscheidend dabei ist der Impfstatus der Befragten und die Frage, wie wichtig dieser für die eigene Identität ist. Es spielte ja eine Weile im öffentlichen Diskurs beziehungsweise im kollektiven Schimpfen eine wesentliche Rolle, ob man zum Lager der Immunisierten oder der Ungeimpften gehörte. Die einen klopften sich als vernünftige, solidarische Bürger auf die eigene Schulter, die anderen empfanden sich als Kämpfer gegen Zwang und Bevormundung. Die Befragung zeigt: Sowohl Geimpfte als auch Ungeimpfte erinnern sich an die Pandemie in einer Weise, die zu ihrer Entscheidung für oder gegen das Vakzin passt. Es handele sich um eine Form des motivierten Denkens, argumentiert der Psychologe Sprengholz.

Versprochene Belohnungen verkleinern den Effekt der Erinnerungsverzerrung

Die Psychologen werteten Daten aus, die im Rahmen der Cosmo-Studie seit Pandemiebeginn 2020 regelmäßig erhoben worden sind. Ende des Jahres 2022 befragten die Wissenschaftler 1644 Teilnehmer aus Deutschland abermals. Dabei gaben die Probanden Auskunft über ihre aktuelle Einschätzung, etwa zum Risiko durch das Coronavirus. Zusätzlich wurden sie aber auch gebeten, sich an ihre Antworten beziehungsweise ihre Einschätzung aus der Frühphase der Pandemie zu erinnern. Geimpfte Teilnehmer überschätzten, wie hoch sie das Infektionsrisiko in den früheren Befragungen empfunden hatten. Sie gaben also in der Retrospektive ein größeres Gefährdungsgefühl zu Protokoll als in den ersten Befragungen in den Jahren 2020 und 2021. Unter den ungeimpften Probanden ergab sich das gleiche Bild, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen: In ihrer Erinnerung war ihr Risikoempfinden während der Pandemiehochphase noch geringer, als sie es damals tatsächlich angegeben hatten.

Ein ähnliches Bild ergab sich auch in der retrospektiven Bewertung der Maßnahmen, die zur Pandemiebekämpfung getroffen wurden. Geimpfte überschätzten ihre Zustimmung in der Vergangenheit im Schnitt, Ungeimpfte erinnerten sich an eine übertrieben ablehnende Haltung. Beides, die Immunisierung als auch die Verweigerung derselben, spielte und spielt noch immer eine große Rolle für das Selbstbild vieler Menschen. "Die Gruppenidentifikation in dieser Frage besteht auch über die Pandemie hinweg", sagt Sprengholz. Tatsächlich gaben in der Befragung aus dem Dezember 2022 insgesamt 66 Prozent der Ungeimpften und 62 Prozent der Geimpften an, dass sie sich mit ihrem Immunstatus identifizieren oder sogar stark identifizieren. "Die Erinnerungsverzerrung fiel umso größer aus, je stärker sich die Teilnehmer mit ihrem Impfstatus identifizierten", sagt der Psychologe.

In einer weiteren Studie mit mehr als 3000 Teilnehmern untersuchten die Psychologen, ob und wenn ja wie sich die verzerrte Erinnerung korrigieren lässt. Dazu informierten die Forscher die Probanden über das Phänomen der Erinnerungsverzerrung, was keine oder fast keine Effekte zeigte. Wurden den Teilnehmern finanzielle Belohnungen dafür in Aussicht gestellt, wenn sie sich korrekt an ihre eigenen Einschätzungen aus den ersten Pandemiejahren erinnerten, zeigte das immerhin einen gewissen korrigierenden Effekt: allerdings nur, wenn die Zahlungen einigermaßen üppig ausfielen. Kleine Belohnungen reduzierten die Verzerrungen hingegen fast nicht.

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