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Palmöl:Regenwald-Rodungen für den Supermarkt

Für den Anbau von Ölpalmen wird massiv der Regenwald gerodet - auf Kosten von Klima, Artenvielfalt und indigener Bevölkerung. Auch ein neues Nachhaltigkeitssiegel der Industrie wird den Raubbau an der Natur vermutlich nicht stoppen können.

Das rote Fell ist am ganzen Körper versengt. Nur eine schwarze, verkohlte Leiche ist von dem Orang-Utan übrig geblieben. So hat ihn jemand in das trockene Gras Indonesiens gesetzt und fotografiert - ein Opfer der Brandrodung des Regenwaldes und des Palmölanbaus.

Auch für diese riesige Plantage auf der Insel Borneo wurde tropischer Regenwald vernichtet, jetzt werden die Bäume über Kanäle künstlich bewässert. Die Palmen gedeihen nur in dem tropischen Klima, wie es etwa in Malaysia und Indonesien herrscht, den größten Palmölproduzenten der Welt. Das  Foto wurde von Greenpeace 2010 aufgenommen und zeigt eine Anlage von Indonesiens größtem Palmölproduzenten Sinar Mas Agro Resources and Technology (SMART).

(Foto: AFP)

Rund 27 Prozent des 2007/2008 gerodeten und gebrandschatzten tropischen Regenwaldes etwa in Borneo gehen direkt auf das Konto von Palmölplantagen, berichtete eine internationale Forschergruppe Anfang dieses Jahres im Fachblatt PNAS. Darin sind Rodungen zur Holzgewinnung, die im Auftrag von Palmölfirmen stattfanden, nicht einmal mitgezählt. Die Plantagen bedecken laut World Wide Fund For Nature (WWF) weltweit über zwölf Millionen Hektar - das entspricht der Fläche der beiden größten Bundesländer Bayern und Niedersachsen zusammengenommen.

Um dieser Umweltzerstörung zu begegnen, hat der WWF 2004 den Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) ins Leben gerufen. Hier versuchen Industrie und Umweltverbände gemeinsam, auf nachhaltigen Anbau umzustellen. Seit einem Jahr vergibt das Gremium auch ein neues Nachhaltigkeitssiegel, das nun langsam auf Produktverpackungen Einzug findet. Doch die Hoffnung, ganz auf umweltfreundliches Palmöl umzustellen, ist bei solch enormen Produktionsmengen ambitioniert.

Denn Palmöl boomt: Derzeit werden pro Jahr rund 50 Millionen Tonnen erzeugt, Malaysia und Indonesien produzieren zusammen 87 Prozent davon. Das Kernproblem ist, dass die Ölpalmen mit ihren dattelgroßen, gelb-rötlichen Früchten genau dasselbe Klima benötigen wie der tropische Regenwald. Beide brauchen viel Wasser, beide gedeihen nur in dem schmalen Bereich zwischen den Zehnten Breitengraden nördlich und südlich des Äquators.

Doch die Probleme rund um den Anbau wurden in der westlichen Öffentlichkeit lange Zeit kaum wahrgenommen. Erst mit der Diskussion um den Biodiesel änderte sich das ein wenig. Dabei wurden laut WWF im Jahr 2010 nur fünf Prozent des Palmöls energetisch genutzt, zur Strom- oder Wärmeproduktion oder eben als Agrardiesel. Demgegenüber entfallen 24 Prozent des weltweit verarbeiteten Palmöls auf Seifen, Kosmetika, Kerzen und andere Industrieprodukte. Wer nicht auf Waschnüsse und Lavaerde umsteigen will, kann Palmöl kaum vermeiden.

Der Löwenanteil von 71 Prozent aber findet sich in Lebensmitteln wieder. In Keksen, Schokoladencremes, Frittieröl und Margarine ist es fast immer enthalten. Das Öl steckt schätzungsweise in jedem zweiten Supermarkt-Produkt.

Geringer Rohstoffpreis hier, massive Eingriffe in die Umwelt dort

Die wahre Herkunft wird dabei gerne verschleiert, auf der Verpackung steht "pflanzliches Öl" oder "pflanzliches Fett". Erst ab 2014 sind die Hersteller laut EU-Verordnung verpflichtet, die genaue Herkunft zu nennen. Bis dahin kann man meist nur vermuten, dass Palmöl im Produkt steckt, denn es ist das günstigste Öl auf dem Markt und wird als minderwertig angesehen.

Dem geringen Rohstoffpreis stehen am anderen Ende der Welt massive Eingriffe in die Umwelt gegenüber: die Abholzung der wohl wertvollsten Waldflächen der Erde, der Verlust von Artenvielfalt und Kohlendioxid-Speichern, die Zerstörung von Torfböden auf Borneo. Obwohl der Torfboden für die Ölpalmen denkbar schlechte Verhältnisse bietet, wird er für den Anbau trockengelegt und setzt dabei weiteres CO2 frei. Auch Landraub und die Vertreibung indigener Völker sind mit den Palmölplantagen verknüpft.

Zudem belastet das in der EU verbotene Herbizid Paraquat viele Plantagenarbeiter - in Indonesien darf es weiter versprüht werden. Es soll die jungen Ölpalmsetzlinge schützen, doch gefährdet es bereits in kleinen Dosen auch Menschen. Kaum einer der Tagelöhner in den Anbaugebieten trägt einen geeigneten Ganzkörperschutzanzug. Aus Unwissenheit spülen sie die leeren Herbizid-Behälter im Fluss aus, wodurch weitere Ökosysteme und das Trinkwasser vergiftet werden. Viele Menschen leiden unter beständiger Übelkeit, Haut- und Atemwegskrankheiten.

Streit um ein Nachhaltigkeitssiegel

Die Agrarkonzerne argumentieren gerne mit den Arbeitsplätzen, die sie schaffen. Allerdings bekommen die meisten Einheimischen keine Verträge, sie dürfen nur - schlecht bezahlt - an Tagen arbeiten, an denen sie gebraucht werden. Selbst wenn kleine Farmen eigenständig Ölpalmen anbauen, können sie sich dem Preisdruck nicht entziehen. Denn das Öl in den Früchten wird schnell ranzig, sie müssen sofort und vor Ort ausgepresst werden. Der Besitzer der lokalen Ölpresse hat damit die Macht, den Preis für die Ernte zu diktieren.

Gegen all diese Übel soll der Roundtable on Sustainable Palm Oil nun Abhilfe schaffen. Im Juni 2011 hat er sein neues Nachhaltigkeitssiegel eingeführt, fünf deutsche Firmen haben seither das Recht erworben, es zu führen. Die bekannteste unter ihnen ist wohl der Backwarenhersteller Lambertz. Das runde Symbol ist etwa auf Keksverpackungen zu finden: ein stilisiertes Palmblatt, darum der Schriftzug "RSPO - Certified sustainable palm oil".

Der Zustand bedrohter Tiere soll "in Betracht gezogen" werden

Wer das Siegel erhalten möchte, dem ist Palmölanbau auf Gebieten mit "hoher ökologischer oder kultureller Bedeutung" untersagt. Zudem solle der Zustand bedrohter Tierarten "ermittelt und ihre Erhaltung in Betracht gezogen werden", so ein weiteres der recht vage formulierten RSPO-Kriterien.

Und das Problem der bisherigen Rodungen wird pragmatisch gelöst: Wurde der Wald früher als 2005 abgeholzt, drückt der RSPO ein Auge zu, das Siegel kann die Plantage dennoch erhalten. So wundert es nicht, dass einige Umweltverbände wie Rettet den Regenwald und die britische Organisation Biofuelwatch bemängeln, dass die Kriterien des Siegels zu schwammig seien und im RSPO die Wirtschaftsunternehmen die Oberhand hätten. Dessen Konzept sei klar auf weiteres Wachstum des Palmölanbaus ausgerichtet.

Doch jegliches Vorhaben, natürliche Lebensräume in großflächige Monokulturen zu verwandeln, könne per Definition nicht nachhaltig sein, sagen die Kritiker. Ihr Vorwurf: Der RSPO betreibe "Greenwashing".

Klaus Schenck von dem Verband Rettet den Regenwald würde es deshalb am liebsten sehen, wenn in den westlichen Ländern überhaupt kein Palmöl mehr verbraucht würde. "Nur weil es sich in Südostasien so schön billig produzieren lässt, haben wir nicht das Recht dort die Regenwälder zu roden." Schließlich habe es bis Anfang der 1980er Jahre keinen nennenswerten Palmölimport nach Europa gegeben. Seifen waren früher aus Knochenmehl.

Nun nennt selbst der WWF den RSPO "kein Öko-Label, sondern einen Mindeststandard." Dennoch ist etwa Martina Fleckenstein, Leiterin Agrarpolitik des WWF Deutschland, von dem RSPO-Ansatz überzeugt: "Einige Unternehmen haben mittlerweile verstanden, dass der nicht-nachhaltige Anbau von Palmöl dramatische Umwelt- und soziale Folgen haben kann".

Fragt man allerdings, weshalb die größten Firmen nicht schon längst von sich aus auf faire und umweltfreundliche Anbaumethoden gepocht haben, erhält man eine klare Antwort: "Bei konventionellem Palmöl haben wir keinerlei Möglichkeit, nachzuverfolgen, wo es herkommt", sagt Nina von Radowitz, Nachhaltigkeitsbeauftragte der Metro-Group.

Doch durch den RSPO können Unternehmen auch ohne genaue Kontrolle der gesamten Lieferkette das Nachhaltigkeitssiegel erhalten - per Zertifikate-Handel. Dieser funktioniert ähnlich wie beim Ökostrom, wo der Verbraucher dafür zahlt, dass regenerative Energie ins Netz eingespeist wird; was jedoch tatsächlich aus seiner Steckdose kommt, lässt sich unmöglich sagen.

Ist umfassende Nachhaltigkeit überhaupt möglich?

Mit einem umweltverträglichen Ansatz wirbt etwa der Investor Agrofinanz. Dieser hat nur ein Produkt: Anteile an einer Palmölplantage in Ecuador, die sich noch im Aufbau befindet und später einmal das neue Siegel tragen soll. Neun Prozent jährliche Rendite sollen die Einlagen einmal bringen. Der Boden ist längst gekauft - eine ehemalige Kaffeeplantage - die neuen Ölpalmen sind bereits zwei Meter hoch. 2014 soll dann die erste Ernte erfolgen.

"Wir sehen vor allem im Nahrungsmittelbereich ein großes Wachstumspotenzial für Palmöl; auch durch die wachsende Bevölkerung", erklärt Stefan van Ühm, Vertriebsleiter bei der Agrofinanz. "Und wir finden es wünschenswert, dieses Wachstum mit nachhaltigem Palmöl abzudecken."

Agrofinanz ist eines von über 700 Mitgliedern des RSPO. Allerdings bedeute die bloße Mitgliedschaft eines Unternehmens noch gar nichts, betont Martina Fleckenstein vom WWF. Es genügt, ein Formular auszufüllen, in dem man sein Unternehmen beschreibt und angibt, was man vor Ort vorhat.

Außerdem muss man den Nachweis erbringen, dass kein Regenwald abgeholzt wird. Etwas anspruchsvoller ist dann die Zertifizierung des Palmöls als nachhaltig. Diese kann erst erfolgen, wenn die erste Ernte in einer neu angelegten Plantage ansteht. Wer die Überprüfung vornimmt, darf der Betreiber selbst bestimmen.

Trotz aller Kritik halten manche Fachleute einen wirklich nachhaltigen Palmölanbau prinzipiell für möglich, so etwa der selbstständige Gutacher und Agraringenieur Karl Müller-Sämann. Er möchte die Palmen schon deshalb nicht verteufeln, weil sie so ergiebig sind, dass man mehr Öl pro Hektar Land erzeugen kann als mit jeder anderen Pflanze. Im Schnitt werden jährlich 3,5 Tonnen pro Hektar erwirtschaftet, manche Hersteller sprechen sogar von 6 bis 8 Tonnen. Rapsöl dagegen liefert in Deutschland nur rund 1,5 Tonnen pro Hektar, es kann zudem nur jedes dritte Jahr auf demselben Feld gepflanzt werden.

Vor zwei Jahren hat sich Müller-Sämann die Plantagen des Familienunternehmens Daabon Organic im Norden Kolumbiens angesehen. Daabon ist eine Vorzeige-Plantage des biologischen Palmölanbaus, 70 Prozent des weltweiten Bio-Palmöls stammen von diesen Feldern. Seit 1914 setzt das Unternehmen auf nachhaltige und sozialverträgliche Landwirtschaft, seit 1990 auch auf den biologischen Anbau von Ölpalmen.

Was er sah, kam dem nahe, was Müller-Sämann für einen idealen Anbau hält: Eine Krautschicht wächst unter den Palmen , sie schützt den Boden vor Erosion. Mit Macheten an langen Stangen schlagen die Arbeiter die Fruchtstände ab. Die Palmen werden nur gefällt, wenn nach 25 bis 30 Jahren die Fruchtstände für diese Ernteform zu hoch hängen. Und ganz klar: "Die Abholzung von Regenwald muss heute tabu sein!" Zudem betont auch Müller-Säman, wie wichtig faire Bedingungen für die Arbeiter und Kleinbauern sind.

Auf all diese Punkte achtet die Bio-Branche schon lange, versichert Hildegard Rickert von Daabon Deutschland. Und mit zahlreichen Siegeln könne sie die Nachhaltigkeit ihres Anbaus belegen. Das wird die Branche gerne hören, denn trotz aller Alternativen ist Palmfett auch dort begehrt, vor allem wegen seines hohen Schmelzpunktes, der je nach Zusammensetzung zwischen 27 und 45 Grad Celsius liegt. Bei Raumtemperatur ist das Öl darum fest und dadurch etwa für Nuss-Nougat-Creme in Bio-Qualität fast unentbehrlich. Denn Biosiegel verbieten, Fette mit niedrigerem Schmelzpunkt chemisch zu härten. Dabei entstehen ungesunde Transfette.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass der gesamte immer noch wachsende Weltbedarf an Palmöl nachhaltig produziert werden kann. Denn das grundlegende Dilemma bleibt: Selbst ein noch so rücksichtsvoller Anbau ändert nichts daran, dass Ölpalmen den Platz brauchen, wo derzeit noch der Regenwald steht.