Paläontologie:Zweiter Uraffe im Allgäu entdeckt

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Er ist nur 7,7 Millimeter groß, und doch lässt dieser Zahn von Buronius tief blicken. (Foto: Berthold Steinhilber/Universität Tübingen)

Vor zwölf Millionen Jahren lebte im Ostallgäu der kleinste bislang bekannte Menschenaffe, gleichzeitig mit seinem Vetter Udo.

Von Christian Weber

So bekannt wie sein Vetter Udo wird der in der Tongrube Hammerschmiede bei Kaufbeuren im Allgäu entdeckte Menschenaffe nicht werden. Über Udo, benannt nach Sänger Udo Lindenberg, unter Wissenschaftlern aber als Danuvius guggenmosi bekannt, berichteten Medien in der ganzen Welt, weil er mutmaßlich als erster Hominide Anpassungen an den aufrechten Gang zeigt, worüber in der Forschung jedoch noch gestritten wird. Die Bedeutung von Buronius manfredschmidi, so wurde das Fossil von seinen Erstbeschreibern getauft, liegt in seiner schieren Existenz. Er liefert den ersten Beleg, dass im Europa des Erdzeitalters Miozän, genauer gesagt: vor 11,62 Millionen Jahren, mehrere Menschenaffen gleichzeitig im selben Lebensraum existierten.

Womöglich konnten sich die beiden Affen sogar zuwinken, sofern sie ein Bedürfnis nach sozialer Interaktion hatten. Der neue Buronius wurde bereits vor einigen Jahren in einem Bachsediment der mittlerweile berühmten Tongrube in unmittelbarer Nähe des Fundorts von Udo entdeckt. Wie in der Paläontologie üblich, dauerte es dann etwas, bis das Forscherteam um Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und David Begun von der Universität Toronto nun im Fachmagazin Plos One die Erstbeschreibung veröffentlichte.

Auf der Basis von zwei Zähnen und einer Kniescheibe beschreiben die Wissenschaftler Buronius als wohl kleinsten Vertreter der Familie der Menschenaffen. Gerade einmal zehn Kilogramm soll er gewogen haben, deutlich weniger als die vier heute noch existierenden Gattungen von Menschenaffen. Rund 30 Kilogramm wiegt der Zwergschimpanse Bonobo, mehr als 200 Kilogramm kann ein Gorilla erreichen. Das ist die Spannweite. Menschen und Orang-Utans liegen dazwischen. Die Forscher vergleichen die neu entdeckte Art mit den Siamangs, Verwandten des Gibbons.

Der eine Affe kletterte in den Baumkronen, der andere blieb näher am Boden

Aus der Analyse des Knochenaufbaus und des Zahnschmelzes konnten die Forscher außerdem die Lebensweise von Buronius rekonstruieren. Seine dicke und asymmetrische Kniescheibe deute darauf hin, dass er besser als Udo an das Klettern in Bäumen angepasst gewesen sei, heißt es. Der dünne Zahnschmelz wiederum sei ein Hinweis darauf, dass er sich vegetarisch ernährt habe, vermutlich von Blättern. Danuvius hingegen verfüge über sehr dicken Zahnschmelz, typisch für Allesfresser, die auch mit harter und zäher Kost zurechtkommen müssen.

Madelaine Böhme zeigt 3-D-Drucke der Backenzähne von Buronius und Danuvius: In der Grabungsstätte Hammerschmiede im Allgäu stieß sie bereits auf zwei bislang unbekannte Arten ausgestorbener Menschenaffen. (Foto: Berthold Steinhilber/Universität Tübingen/Berthold Steinhilber/laif)

So erkläre sich wahrscheinlich auch, wieso die beiden Menschenaffen am gleichen Ort nebeneinander leben konnten, ohne sich groß zu stören. Udo durchstreifte größere Gebiete, auch auf dem Boden, um vielfältige Nahrung zu finden. Buronius dagegen hielt sich lieber in den Baumkronen und Ästen auf und fraß dort die zarten Blätter. So ähnlich machen es noch heute Orang-Utans und Gibbons auf Borneo und Sumatra.

Nun gilt es nur noch einen Populärnamen für Buronius zu finden. Wissenschaftlich wurde er nach dem Zahnarzt Manfred Schmid aus Marktoberndorf benannt. Buronius wiederum steht für die Stadt Kaufbeuren, die im Mittelalter Buron genannt wurde. Schmid hatte in den 1970er-Jahren gemeinsam mit dem Hobbyforscher Sigulf Guggenmos viele fossile Funde in der ehemaligen Ziegelei Hammerschmiede gemacht. Mittlerweile gehört der Ort zu einer der weltweit wichtigen Grabungsstätten. Nach Angaben der Paläoanthropologen der Universität Tübingen wurden hier bereits mehr als 15 000 Fossilien von weit über hundert Arten gefunden. Weitere Überraschungen sind zu erwarten.

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