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Ozean:Blumenkohl auf dem Meeresgrund

Seeanemonen auf dem Meeresgrund vor Grönland

Diese Seeanemonen sind Teil des riesigen Korallengartens, den Forscher in der Davisstraße vor Grönland entdeckt haben.

(Foto: Tauchroboter (GINR/ZSL)/Greenland Institute of Natural Resources/Zoological Society of London)

Forscher haben in der Tiefsee vor Grönland einen riesigen Korallengarten entdeckt. Schleppnetze bedrohen das Ökosystem.

Einzelne Felsbrocken säumen die Steinwüste auf dem Meeresgrund; der Tauchroboter wirbelt etwas Staub auf. Doch dann erscheinen Korallen: Orangefarbene Seeanemonen und weiße Blumenkohl-Korallen sind zu erkennen, der Meeresgrund verwandelt sich in einen bunten Garten. Das Video stammt von einer Expedition in der Davisstraße, einer Meerenge zwischen der kanadischen Baffininsel und Grönland. Auf dem dortigen Meeresgrund haben Forscher aus London und dem grönländischen Nuuk einen riesigen Korallengarten entdeckt. In gut 300 bis knapp 600 Metern Tiefe erstreckt sich ein bunter Teppich aus Weichkorallen auf einer Fläche, die beinahe so groß ist wie der Bodensee.

Die Forscher filmten Teile des Gebiets mit einem Tiefseeroboter und werteten die Aufnahmen elektronisch aus. In ihrer am Montag im Fachblatt Frontiers in Marine Science publizierten Studie zählen die Autoren mehr als 40 000 Korallen, die in totaler Dunkelheit auf dem Meeresgrund leben. An einigen Stellen wohnen bis zu neun Exemplare auf einem Quadratmeter. In ihrem Lebensraum herrscht ein Druck, der rund 50-mal höher ist als an der Wasseroberfläche. Unter diesen scheinbar unwirtlichen Bedingungen leben Seelilien, Schwämme, Haar- und Schlangensterne ebenso wie Moostierchen und prächtige Seeanemonen. Letztere zählten die Forscher am häufigsten, gefolgt von den Blumenkohl-Korallen, die tatsächlich ein wenig an das Gemüse erinnern.

Die Videos des Tauchroboters wirken bisweilen so, als stammten sie von einem fremden Planeten. "Tatsächlich haben wir bessere Karten von der Oberfläche des Mars als von der Tiefsee", sagt der Biologe Stephen Long, einer der Autoren der Studie. Vor Kurzem meldeten Forscher, dass erst ein Fünftel des Ozeangrundes vermessen sei. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass sich in der Tiefsee noch weitere Korallengärten verbergen.

Weichkorallen leben auf dem nackten Meeresgrund; sie bieten dort Krebstieren, Fischen und Wasserschnecken Unterschlupf. Im Gegensatz zu Steinkorallen bilden sie keine Riffe. Denn sie scheiden anders als die Steinkorallen keinen Kalk aus, aus dem im Laufe von Jahrhunderten dann die Riffe entstehen. Die Weichkorallen am Meeresgrund werden zudem nicht so stark durch die gestiegenen Wassertemperaturen bedroht: Diese rauben den Steinkorallen ihre Färbung, das Phänomen ist als Korallenbleiche wohlbekannt und kann zum Beispiel am Great Barrier Reef vor Australien beobachtet werden. Dennoch sind auch die Weichkorallen bedroht, vor allem durch Fischernetze. Schleppnetze, die über den Meeresboden gezogen werden, pflügen die Korallengärten brachial um und zerstören sie so. Um die Korallen zu schützen, schlagen die Wissenschaftler vor, dass die Vereinten Nationen das Gebiet als gefährdetes marines Ökosystem deklarieren. Fischer dürften ihre Netze nur noch unter Auflagen auswerfen.

© SZ

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