Ostsee-Pipeline Druckkammern mit Wartezimmeratmosphäre

An Bord der Skandi Arctic leben die Taucher wochenlang in engen Röhren, die unter einem Druck stehen, wie er auch am Meeresboden herrscht. Das System bietet Platz für 24 Taucher, die hier für die Dauer des Einsatzes auch essen und schlafen.

(Foto: Nord Stream AG)

Unter Deck sieht das ganz anders aus. Die Gänge führen über grünlackierten Stahl, die Lüftung lärmt, es stinkt nach Öl. Zwei Jahre nach dem Stapellauf der Skandi Arctic sind bereits die ersten Rostflecken zu sehen. In den Druckkammern dagegen geht es fast steril zu. Der weiße Lack und die roten Klappsitze verbreiten Wartezimmeratmosphäre. Es ist stickig, vor allem aber ist es heiß.

Die Taucher bekommen davon nichts mit: Unter hohem Druck verwandelt sich der Stickstoff, der sich normalerweise in der Atemluft befindet, in ein für den Menschen giftiges Gas. In den Kammern wird er daher durch Helium ersetzt.

Das beschert den Insassen nicht nur eine Donald-Duck-Stimme, es lässt sie auch stark frieren: Ähnlich wie Wasser führt Helium Wärme sofort ab. An Bord wird daher der Thermostat hochgedreht, im Meer strömt 36 Grad warmes Wasser durch die Tauchanzüge. "Das ist ein bisschen so, als würden die Männer in der Badewanne liegen", sagt Nakkestad und schmunzelt.

Acht Stunden dauert die Schicht am Meeresgrund, dann kommt das nächste Dreierteam an die Reihe. So geht es weiter, rund um die Uhr. Den Rest ihres Tages verbringen die Taucher in der Raumstation. Es gibt eine Durchreiche fürs Essen, Internet-Anschluss, ein bescheidenes Unterhaltungsprogramm. Während weiter oben - in der Holz-und-Leder-Klasse - Kino, Sauna und Raucherraum auf die Besatzung warten, müssen sich die Taucher mit einem Beamer und einer Leinwand zufrieden geben. Auf Knopfdruck rollt sie von der Decke herab, ein Meter von den Augen entfernt.

Privatsphäre gibt es nicht. Lediglich auf der Toilette, einer kleinen Edelstahl-Schüssel, können die Taucher ein Schott hinter sich zuziehen. Aber selbst dort läuft die Kameraüberwachung. 14 Tage dauert eine Tauchmission. Hinzu kommen knapp fünf Tage für die Dekompression, während der die Taucher nicht einmal mehr vor die Tür dürfen. Das zerrt an den Nerven.

Dag Jacobsen, der Krankenpfleger, hat daher auch eine Ausbildung als Psychologe. "Früher waren die Taucher Cowboys, die keine Gefühle zeigten", sagt er. "Aber das hat sich geändert." Immer wieder kommt es vor, dass Taucher ihn nach unten bitten, zu den Druckkammern. Aber selbst dort sind Unterhaltungen nur über Lautsprecher möglich, jeder kann mithören. "Viele suchen daher erst nach ihrem Einsatz das vertrauliche Gespräch in der Krankenstation."

Noch sind die Kammern leer, noch liegt die 157 Meter lange Skandi Arctic im Hafen des norwegischen Städtchens Haugesund. Doch die Vorbereitungen fürs große Schweißen sind so gut wie abgeschlossen; in wenigen Wochen soll es losgehen.

Dann liegen die drei Segmente der ersten Nord-Stream-Pipeline fertig am Meeresgrund. Im April vergangenen Jahres hatte das Unternehmen mit dem Verlegen begonnen - trotz Protesten von Umweltschützern, trotz politischer Bedenken der Anrainerstaaten, trotz der umstrittenen Rolle von Altbundeskanzler Gerhard Schröder, der im Aufsichtsrat des deutsch-russischen Gemeinschaftprojekts sitzt.