Es ist merkwürdig, was in Kanadas größter Stadt Toronto gerade geschieht: Schnee-Eulen, die sonst in den Weiten der Arktis leben, fliegen durch die Straßen und lassen sich auf Hausdächern und Telefonmasten nieder. "Die Leute schicken uns fantastische Bilder", sagt Tanya Pulfer, Biologin bei der Organisation "Ontario Nature". "Aber wir wissen nicht, warum die Schnee-Eulen in Städten auftauchen, obwohl sie eigentlich offene Ebenen zum Jagen bevorzugen."
Es gab in der Vergangenheit immer wieder Jahre, in denen Schnee-Eulen ihre angestammte Heimat nördlich des Polarkreises verlassen haben. Fachleute nennen dieses Phänomen "Irruption": eine Invasion von Vögeln in Gegenden, wo sie eigentlich nicht heimisch sind. Diesmal sind es aber ungewöhnlich viele Eulen, die auswandern. Hunderte tauchten im mittleren Westen und Osten der USA sowie in den kanadischen Provinzen Ontario und Quebec auf. Auch nahe der Westküstenstadt Vancouver wurden Schnee-Eulen gesichtet. Einzelne Exemplare haben sich sogar nach Florida und Bermuda verirrt. "Ob diese Eulen überleben, ist fraglich", sagt Chris Blomme, Biologieprofessor an der kanadischen Laurentian-Universität.
Einzelne Eulen haben sich sogar nach Florida verirrt. Ob sie dort überleben, ist fraglich
Die Ornithologen des Cornell Lab of Ornithology im US-Staat New York, der bekanntesten Forschungsanstalt für Vogelkunde in Nordamerika, bezeichnen das Phänomen auf ihrer Webseite als "eines der dramatischsten Schauspiele der Naturgeschichte". Normalerweise kommt eine Irruption nur alle fünf oder sogar nur alle zehn Jahre vor. Doch jetzt sind es "genau genommen fünf aufeinanderfolgende Jahre, dass wir hier unten in den USA mehr Schnee-Eulen als üblich haben", sagt Kevin McGowan, Ornithologe am Cornell Lab. Viele Amerikaner tragen es auf der Webseite ebird.org ein, wenn sie irgendwo Schnee-Eulen beobachtet haben. Dadurch erfahren die Experten sehr umfassend von den Destinationen der Arktis-Bewohner. Zum Brüten kehren die Vögel wieder in die Arktis zurück, wo sie ihre Eier im Sommer in Bodenkuhlen legen.
Die Schnee-Eule (Bubo scandiacus) ist keine gefährdete Tierart. Sie lebt normalerweise in nördlichen Regionen von Alaska, Russland, Grönland und Kanada. Bubo scandiacus ist die schwerste Eule Nordamerikas: Die Weibchen wiegen im Schnitt 2,3 Kilogramm, die Männchen 1,8 Kilogramm. Die Spannweite der Schwingen beträgt bis zu anderthalb Meter. Ihr dichtes Federkleid schützt die Vögel auch vor großer Kälte. Die Männchen sind meist weißer als die größeren Weibchen, die braune Streifen und Punkte haben. Wegen der Mitternachtssonne in der Arktis jagen Schnee-Eulen auch im Hellen. Lemminge sind ihre Hauptnahrung.
Eine Erklärung für die jetzige Irruption könnte sein, dass es im Vorjahr besonders viele Lemminge gab, und dass deshalb besonders viele Eulenjunge geboren wurden. "Die Jungvögel müssen sich dann neue Reviere suchen, weil der Platz in den angestammten Regionen nicht mehr für alle reicht", sagt Chris Blomme. "Schnee-Eulen können jährlich fünf bis sechs Küken bekommen." Dagegen spricht, dass die Eulen manchmal trotz einer sehr guten Brutsaison nicht auswandern. Eine andere Theorie lautet, dass es in Irruptionsjahren zu wenige Lemminge im angestammten Territorium gibt, und dass die Eulen deswegen in andere Gebiete ausweichen müssen.
Letztlich kennt man die genaue Ursache noch nicht. Wahrscheinlich ist, dass mehrere verschiedene Faktoren zusammenwirken, um die Invasionen auszulösen. Auch über die Flugrouten der Schnee-Eulen weiß man noch sehr wenig. Um mehr zu erfahren, haben in den USA Fachleute gemeinsam mit Freiwilligen das Projekt Snowstorm auf die Beine gestellt. Sie statten Schnee-Eulen mit Sendern aus, um deren Flugreisen zu dokumentieren. Diese Sender sind sehr leicht und werden auf dem Rücken der Vögel befestigt. Die Signale werden alle 30 Minuten mithilfe von GPS-Satelliten aufgezeichnet und an die Snowstorm-Computer weitergeleitet.
Bereits jetzt habe man auf diese Weise neue Einsichten gewonnen, erzählt Scott Weidensaul, Mitarbeiter des Projekts und Tierbuch-Autor: "Die Schnee-Eulen verbringen viel Zeit, manchmal mehrere Wochen, auf vereisten Seen. Sie fressen Wasservögel, genau wie in der Arktis. Das Eis bewegt sich ständig. Wasserrinnen brechen auf, und dort finden die Eulen ihre Beute." Im vergangenen Jahr wurden 22 Eulen mit Sendern ausgestattet und acht in diesem Jahr. "Einige dieser Eulen kehrten in unsere Gefilde zurück", sagt Weidensaul. Hier suchten sie Landstriche auf, die ähnlich wie in der arktischen Tundra sind: flache, baumlose Ebenen.
Außer sie wählen plötzlich urbane Gegenden wie Toronto. Rätselhafterweise sammeln sich die Tiere auch gerne in der Nähe von Flughäfen. Mancherorts werden sie dann vom Flughafenpersonal eingefangen und an anderen Orten wieder ausgesetzt. Die Schnee-Eule bleibt ein Vogel, der den Forschern Rätsel aufgibt.
