Navigation:Wer früher mit Karten navigiert hat, verlernt auch durch das Smartphone nichts

Über diese verfügen hingegen Menschen, die sich auch anhand der Vogelperspektive orientieren. Dabei richten sie sich nach unverrückbaren Merkmalen wie Himmelsrichtung und Sonnenstand, einem markanten Berggipfel oder der Küstenlinie. Offenbar speichert das Gehirn das Wissen über solch größere Zusammenhänge getrennt von der Fähigkeit, eine Schritt-für-Schritt-Wegbeschreibung zu erstellen.

Im Idealfall ergänzt sich beides. Aber was ist schon ideal in dem Moment, in dem man weder weiß, wo man sich befindet, noch, in welche Richtung man will? Helfen kann dann nur eins: die unerschütterliche Stimme aus dem Navi. Doch in die Erleichterung über die technische Hilfe mischt sich ein leiser Zweifel. Sind die Geräte vielleicht mehr Fluch als Segen?

Zahlreiche Stimmen warnen vor den potenziell schlimmen Auswirkungen ständigen Navi-Gebrauchs. Es droht angeblich nicht weniger als der völliger Verlust der Vogelperspektive. Totale Hilflosigkeit, sobald der Akku mal ausfällt oder ein Tunnel den Datenempfang stört. Autos mit der Kühlerhaube im Fluss oder eingekeilt zwischen dicht stehenden Bäumen mitten im Wald, weil die Fahrer ihren Geräten blind vertraut haben. Andererseits: Wer Stunden, wenn nicht Tage seiner Lebenszeit auf Irrfahrten und Umwegen verbracht hat, der denkt sich selbst angesichts dieser Schreckensszenarien, dass er eigentlich nicht viel zu verlieren hat.

Stefan Münzer kennt sich als Bildungspsychologe an der Universität Mannheim bestens mit der Beziehung zwischen Mensch und Navi aus - und stimmt weder den Apokalyptikern noch den Sorglosen uneingeschränkt zu: "Wir haben bisher keine harten Belege dafür, dass Menschen, die früher mit Karten navigiert haben, durch das Navi wirklich etwas verlernen."

Für kritischer hält er die Situation jedoch bei jüngeren Menschen, die erst im Navi-Zeitalter geboren wurden und nie andere Hilfsmittel zur Orientierung genutzt haben. Ihnen fehlt möglicherweise die nötige Portion Skepsis gegenüber der eindringlichen Stimme, die einen mitunter auch dann zur Weiterfahrt auffordert, wenn man schon mitten im Maisfeld steht. Wer sich vom Navi leiten lässt, entwickelt bestenfalls ein Routenwissen.

Einen Überblick aus der Vogelperspektive vermitteln die Geräte nicht, wie zahlreiche Studien gezeigt haben. Erhält man dagegen eine Wegbeschreibung von einem anderen Menschen, baut der meist auch markante Punkte wie den Bahnhof oder das Stadtzentrum in seine Erklärung ein, selbst wenn sie für den eigentlichen Weg keine Rolle spielen. Doch helfen solche Referenzen, sich selbst in der Umgebung zu verorten.

Um den Tücken der Technik zu entgehen und dennoch nicht auf ihren Komfort verzichten zu müssen, empfiehlt der Forscher ein zweistufiges Vorgehen: Sich vor der Fahrt mithilfe einer Karte - egal ob in Papierform oder als Online-Routenplaner - einen Überblick zu verschaffen, wo man hin will und welche markanten Punkte als Richtungsweiser dienen können. Folgt man dann unterwegs dem Navi, kann man dessen Vorgaben mit der Erinnerung an die Übersichtskarte abgleichen.

Mit einer neuen Generation von Navis, könnte diese umständliche Reiseplanung überflüssig werden. Zumindest hofft das der Psychologe Münzer. Zusammen mit Kollegen der Uni Münster arbeitet er an einem Gerät, das künftig neben der Wegbeschreibung auch etwas Überblickswissen vermitteln soll - ähnlich wie ein Mensch, der einem anderen den Weg erklärt. "Das lässt sich aber nicht so einfach in Algorithmen umsetzen", sagt Münzer. Als ob jemals etwas einfach gewesen wäre beim Thema Orientierung.

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