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Orientierung:Mit den Ohren sehen

Ob Schnalzen oder Zischen: Blinde können sich am Echo selbsterzeugter Laute orientieren. Münchner Forscher haben nun untersucht, ob auch normal sehende Menschen diese Technik erlernen können.

Von den Fledermäusen und Delfinen wissen es Biologen schon lange, aber auch manche blinde Menschen erregen mit ihren Fähigkeiten immer wieder die Aufmerksamkeit einer staunenden Öffentlichkeit: Sie alle können sich mithilfe der Echos selbst erzeugter Laute einigermaßen präzise im Raum orientieren.

Großes Aufsehen erregte etwa der blinde Kalifornier Dan Kish, der als Kind wegen einer Retina-Erkrankung beide Augen verlor und dennoch das Fahrradfahren erlernte und auf Bäume kletterte. Medienberichten zufolge erkennt Kish große Häuser bereits aus hundert Meter Entfernung, Wasserhydranten und Autos, wenn er sich ihnen drei bis fünf Meter genähert hat. Sein Trick: Er analysiert das feine Echo von Schnalzlauten, die er zuvor mit seiner Zunge produziert hat.

Obwohl die prinzipielle Fähigkeit zur Echolokation auch bei Menschen mittlerweile wissenschaftlich anerkannt ist, blieben bislang doch Fragen offen: Verfügen nur Blinde über eine womöglich neuronal bedingte erhöhte Sensibilität für reflektierte akustische Signale - oder kann jeder Mensch diese Technik erlernen? Und wie verträgt sich effektive Echolokation mit dem sogenannten Präzedenz-Effekt? Dieser Begriff bezeichnet ein psychoakustisches Phänomen: Erreicht das gleiche Schallsignal zu unterschiedlichen Zeitpunkten das Ohr eines hörenden Menschen, dann nimmt dieser nur die Richtung des zuerst ankommenden Signals wahr. Wie also können dann Menschen ein vielfach reflektiertes Signal verarbeiten?

Selbsterzeugte Laute sind hilfreicher

Ein Forscherteam um den Neurobiologen Ludwig Wallmeier von der Universität München konnte nun in mehreren Labor-Untersuchungen bei normalsichtigen und normalhörenden Menschen etwas Licht in diese Fragestellungen bringen ( Proceedings of the Royal Society B, online).

So bestätigten sie zwar in ihren Experimenten einen starken Präzedenz-Effekt bei Versuchsteilnehmern - aber nur dann, wenn diese zwei unterschiedlich weit entfernt positionierte Schallquellen orten sollten. Dies änderte sich jedoch in einem weiteren Versuch, in dem die Schallquellen durch Reflektoren ersetzt wurden und die Teilnehmer aufgefordert wurden, selber mit ihrem Mund Laute zu produzieren. Sie sollten mindestens fünf Sekunden lang deutlich vernehmbar zischen. In dieser Situation konnten alle Studienteilnehmer die Reflektoren orten, kaum gestört durch den Präzedenz-Effekt.