Eine der wichtigsten Erfindungen in der Geschichte der Menschheit war die Herstellung von Steinwerkzeugen. Mit Steinzeit-Messern aus scharfkantigen Brocken oder Splittern konnten unsere Urahnen neue Nahrungsquellen erschließen, Tiere schlachten und deren Fleisch zerlegen. Doch wie sind sie auf diese geniale Idee gekommen?
Ein Team um die Biologin Alba Motes-Rodrigo von der Universität Tübingen hat versucht, der Lösung dieses Rätsel durch Experimente mit Orang-Utans näher zu kommen. Die Idee der Wissenschaftler war, die mit dem Menschen nahe verwandten Primaten stellvertretend für unsere Steinzeitvorfahren zu erforschen. In ihrer Studie, die gerade im Fachjournal Plos One erschienen ist, beobachteten Motes-Rodrigo und ihre Kollegen Orang-Utans beim Hantieren mit Steinen und Steinwerkzeugen - in der Hoffnung, miterleben zu können, wie unsere Urahnen den zündenden Einfall hatten.
Eines der Tiere durchtrennte die Silikonschicht der Box und gelangte so an das Futter
In einem ersten Experiment gaben die Forscher zwei Orang-Utans im norwegischen Kristiansand-Zoo einen Steinbrocken und einen Betonhammer, um diesen zu bearbeiten. Außerdem stellten sie eine Box mit einer Belohnung ins Gehege, die mit einer Silikonschicht verschlossen war. Würden die Tiere auf die Idee kommen, sich aus dem Steinbrocken ein Messer herzustellen, um damit die Box zu öffnen?

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Wie sich herausstellte, war das zu viel verlangt. Beide Orang-Utans schlugen den Hammer zwar gegen Boden und Wände, machten aber keinerlei Anstalten, den Steinbrocken damit zu bearbeiten. Erst als die Forscher nachhalfen und den Tieren ein fertiges Steinzeitmesser in Form eines scharfen Splitters zur Verfügung stellten, klappte es: Eines der Tiere benutzte den Splitter zum Schneiden, durchtrennte die Silikonschicht der Box und gelangte so an das Futter. "Wir konnten damit zeigen, dass Menschenaffen spontan auf die Idee kommen, einen scharfen Stein als Schneidewerkzeug zu benutzen", sagt Claudio Tennie von der Universität Tübingen, der an der Studie beteiligt war.
Doch unsere Steinzeitvorfahren haben Messer nicht nur benutzt, sondern auch hergestellt. Ob Orang-Utans auch das lernen können, wollten die Forscher mit einem dritten Experiment herausfinden. Sie zeigten drei Orang-Utan-Weibchen im britischen Twycross Zoo, wie man mit einem Hammer auf einen Steinbrocken schlagen muss, um scharfkantige Steinzeitmesser herzustellen. Eines der Tiere bearbeitete daraufhin einen Brocken genau so, wie sie es zuvor bei ihren menschlichen Lehrern gesehen hatte - und produzierte ihre eigenen Werkzeuge.
Nach Ansicht der Studienautoren zeigen diese Beobachtungen, dass Orang-Utans zumindest die Grundvoraussetzungen erfüllen, um Steinzeitwerkzeuge zu verwenden: Die Tiere können erstens mit einem Hammer auf Steinbrocken einschlagen, sodass Steinmesser entstehen. Und zweitens erkennen sie den Nutzen eines solchen Werkzeugs.
Doch im Unterschied zu den Menschen in der Steinzeit, die gezielt Messer herstellten, um anschließend damit etwas zu zerschneiden, verknüpfen die untersuchten Tiere die beiden Schritte offenbar nicht miteinander. "Trotzdem zeigt unsere Studie, dass die Herstellung von Steinwerkzeug keine Raketenwissenschaft ist, die vollkommen außerhalb der Fähigkeiten nicht menschlicher Primaten liegt", sagt Tennie.
Nach Ansicht der Studienautoren besaß möglicherweise schon der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Orang-Utan, der vor etwa 13 Millionen Jahren lebte, viele jener Fähigkeiten, die erforderlich sind, um Werkzeuge herzustellen und zu benutzen. Dazu zählt auch eine große Innovationskraft, die nach Ansicht von Tennie bis heute nicht nur den Homo sapiens auszeichnet, sondern auch nicht menschliche Primaten wie die Orang-Utans. Die geniale Idee, aus Steinen Werkzeuge herzustellen, kam also nicht aus dem Nichts. Die meisten Voraussetzungen waren wohl schon lange da, als die Steinzeitmenschen vermutlich aufgrund von Umweltveränderungen unter Druck gerieten und sich etwas einfallen lassen mussten, um zusätzliche Nahrungsquellen zu erschließen und auf diese Weise zu überleben.

