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Psychologie:Mit 55 Jahren sind Menschen besonders optimistisch

Frankfurter Frühling

Dieser Luftballon schaut immer voll und ganz optimistisch in die Welt. Den meisten Menschen hingegen geht es nur zeitweise so.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)
  • Nach einer Befragung von 1200 Amerikanern behaupten Forscher, dass Menschen im Schnitt bis zum Alter von 55 Jahren stetig optimistischer werden.
  • Rückschläge im Gegensatz zu freudigen Ereignissen sollen darauf nur geringen Einfluss haben.
  • Die Stichprobe ist zwar klein, doch die Ergebnisse passen zu Erkenntnissen aus anderen Studien.

Von Sebastian Herrmann

Mit jedem Lebensjahr grätschen einem neue Rückschläge in die Beine. Den begehrten Posten schnappt sich ein Kollege, und zwar dieser eine spezielle Kollege. Und der eigene Vorschlag für ein großartiges Projekt? Vom Chef abgebügelt, von den Mitarbeitern verspottet. Zu Hause wird man den Kindern derweil zunehmend peinlich. Das Haus der Nachbarn ist sowieso schöner, größer, neuer. Und die größte aller Kränkungen blickt einen jeden Morgen aus diesem bodentiefen Spiegel entgegen, der offenbar zum Zweck täglicher Selbstdemoralisierung am Schlafzimmerschrank angebracht wurde.

In Anbetracht solcher Rückschläge gleicht die Botschaft von Psychologen um Ted Schwaba von der University of California in Davis einem weiteren Tiefschlag. Die Forscher behaupten, dass Menschen im Schnitt bis zum Alter von 55 Jahren stetig optimistischer werden - und dass Rückschläge im Gegensatz zu freudigen Ereignissen darauf einen verblüffend geringen Einfluss haben.

Da fragt man sich als mittelalter und mittelmäßig begabter Misanthrop: Wie kommen die Forscher auf diese irre Idee, die sie da im Fachjournal Social Psychological and Personality Science ausbreiten? Die Psychologen begleiteten über sieben Jahre knapp 1200 US-Amerikaner mexikanischer Abstammung. Die Teilnehmer der Studie wurden regelmäßig mithilfe standardisierter Methoden etwa zu Lebenseinstellungen sowie positiven oder negativen Ereignissen befragt. Die Werte für Optimismus entwickelten sich im Laufe des Lebensalters demnach kontinuierlich nach oben. Mit 55 Jahren erreichten sie ein Plateau und sanken anschließend wieder leicht ab. Die auf Basis dieser Daten erstellte Optimismuskurve gleicht einem flachen, umgedrehten U.

Nun lässt sich aus den Ergebnissen keinesfalls schlussfolgern, dass sich der Lebensausblick eines jeden trostlosen Schwarzmalers bis zum 55. Geburtstag zwingend aufhellt. Die individuellen Unterschiede seien groß, sagen die Psychologen. Selbst vom Glück geküsste Menschen oder solche in Führungspositionen (was selten das Gleiche ist) vermuten also mitunter, dass ihre persönliche Zukunft nichts als Widrigkeiten, Kränkungen und Gegenwind bereithalte. Das liege auch daran, dass die Gabe der Zuversicht ein nicht beliebig wandelbares Persönlichkeitsmerkmal sei. Laut älteren Arbeiten, das nur als sehr grobe Schätzung, bestimmt das Erbgut zu etwa 25 Prozent, wie optimistisch jemand gestimmt ist.

Eine einzige Studie liefert natürlich noch keine gesicherte Erkenntnis. Zudem stützt sich die aktuelle Untersuchung auf eine spezielle Stichprobe - US-Amerikaner mexikanischer Herkunft. Doch die Ergebnisse passen zu Erkenntnissen aus anderen Studien. Darin zeigen durchschnittliche Werte für Lebenszufriedenheit, Selbstvertrauen und Wohlergehen in etwa den gleichen Altersverlauf wie die nun vorgestellte Optimismus-U-Kurve. Das Leben ist eben nicht nur eine Aneinanderreihung persönlicher Krisen, es erfüllt auch ein paar Hoffnungen. Zumal mit steigendem Alter Handlungsautonomie und Wirkmacht der meisten Menschen steigen: Man hat doch ein paar Sachen hinbekommen und ahnt mit milder Zuversicht, dass einem noch ein paar Dinge gelingen könnten.

© SZ vom 28.03.2019/hach
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